Pupuze Berber

Die Flitterwochen

Die Flitterwochen

Die Flitterwochen direkt nach der Hochzeit, darauf hatten sie sich geeinigt. Ganz klassisch, so sollte es sein. Vertraute Zweisamkeit, zumindest eine Woche lang, bevor das Leben beide mitriss, hinein ins Gewühl ihres Alltags mit Pillen, Schläuchen und Dienstplänen.

Dazu waren sie in die Berge angereist, in dieses Chalet, das Erdogan ein wenig an das alte Haus seiner Oma in der Türkei erinnerte. Nicht dass seine Oma so pompös gewohnt hätte, mit der großen Tafel und den vier antiken, mit Leder gefassten Stühlen, nein das war es nicht. Es war der große offne Kamin, der Erdogan an die Feuerstelle erinnerte. Da saß die alte Frau schon am frühen Morgen, um die Glut anzuzünden.

Hier würde er das Feuer entfachen, und zwar nicht nur im Kamin. Draußen peitschte ein starkes Unwetter pfeifend und grollend an die Fenster. Ganze Tannenreihen beugten sich wie im Gebet. Das wäre schon seit Tagen so und gar nicht typisch für diese Jahreszeit, hatte der Taxifahrer erzählt, als Erdogan und Charlotte vom Bahnhof in seinen Wagen eingestiegen waren. Und auch über den ganzen Weg hinauf bis zur Hütte hatte dieser Mann mit rollendem R von kübelweise herunterkommendem Wasser, von Donnern und Blitzen geredet und Erdogan im Rückspiegel sorgenvoll angeschaut. Aber, was ging ihn das schlechte Wetter an. Es war ihm recht. Weder er noch sein Babe wollten wandern. Also hatte er den Taxifahrer unkommentiert erzählen lassen. Der Regen störte ihn nicht, ganz im Gegenteil. Als er, angekommen an der Hütte, dem Fahrer das Geld entgegenstreckte und ihn bat, sie in einer Woche abzuholen durchfuhr seinen ganzen Körper ein Kribbeln. Er war endlich allein mit seiner Babe, trotzt so mancher Hürde.

„Eine Deutsche Schwiegertochter? Möge Gott mir beistehen, was tust du mir an!“ Das waren Mutters Worte gewesen, als er ihr von seinen Hochzeitsplänen erzählt hatte. Nein, er war keinen Millimeter davon abgewichen. Er liebte Charlotte. Mutter musste das endlich akzeptieren. Basta.
Dass es nicht Charlottes erste Ehe war, hatte er seiner Familie gegenüber verschwiegen. Charlotte hatte einen Fehler gemacht und ihn schnell korrigiert. Mutter war auch ohne diese Info einige Male in Ohnmacht gefallen. „Safak, Kolonya“, rief sie dann immer und sank wie auf einer Bühne langsam in sich zusammen. Die jüngere Schwester kam zappelnd wie ein aufgescheuchtes Huhn und rieb Mutters Handgelenke mit dem türkischen Pendant des kölnisch Wassers, dem berühmten Zitronen-Kolonya. Ein Affentheater. Das hatten sich die beiden von den kitschigen türkischen Serien abgeschaut, die sie sich jeden Abend reinzogen. Er war schließlich Arzt, wusste es besser, dass das Unsinn war, was Mutter und Safak da aufführten. Aber, wem sagte er das.

„Mein Äffchen, bringst du die Koffer nach oben? Ich mache uns derweil den Champagner auf. Den haben wir uns verdient.“

Auch Charlotte freute sich auf diese intime Zweisamkeit. Nach dieser lang andauernden und großen Hochzeit voller Menschen, von denen sie die wenigsten kannte.

„Eine Feier, wie ein Jahrmarkt. Wer braucht 250 Hochzeitsgäste?“, hatte ihr Vater scharf kritisiert. Als er aber hörte, er müsse sich nicht an den Kosten beteiligen, war er ganz zufrieden und ließ sich alles gut schmecken. Charlotte schämte sich. Weil ihr Vater sehr wohlhabend war. Der alte Apotheker hatte seine Immobilien und Aktien und kannte seit seiner Pensionierung nichts anderes mehr als sein Geld zu vermehren. Sie würde es ja alles erben, daher sagte sie nichts, auch wenn er ihr oft peinlich war.
Erdogans Vater dagegen war ein einfacher Arbeiter gewesen, die Mutter Putzfrau. Und sie schmissen diese pompöse Party. Alles für ihren einzigen Sohn. Und jetzt gehörte er ihr, ihr Äffchen. In diese Woche waren sie fernab von jeder Zivilisation. Zufrieden schaute sie um sich, und sah aus dem Fenster, dass sogar die Bäume trotz ihres Kampfs gegen den starken Regen ihr zuzunicken schienen. Weiter so, du hast alles richtig gemacht.


Es hatte Charlotte einige Mühen gekostet, Erdogans Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. In so einem Krankenhaus war die Konkurrenz groß. Und nicht immer wurde mit offenen Karten gespielt. Tat Charlotte auch nicht, warum auch. Und Erdogan war ein sehr hübscher Kerl. Dunkle Haare, rehbraune Augen, mit dichten schwarzen Wimpern und eine starken Körperbehaarung. Ihr Äffchen. Und die Figur erst! Ein eitler Kerl durch und durch. Sie konnte seine Nähe kaum erwarten, und schaute auf seine knackigen Hintern, als er ihre beiden Koffern nach oben ins Schlafzimmer brachte. Vermutlich würden sie die ganze Woche im Bett verbringen. Ob sie den Korb mit dem Essen direkt ins Schlafzimmer stellen sollte?

„Babe!“

„Ja, mein Äffchen.“

Charlotte entkorkte die Champagnerflasche. Sie kam allerdings nicht mehr dazu Gläser zu holen. Erdogan kam die Stufen runtergerannt und stand ihr gegenüber.

„Oben sitzt einer im Rollstuhl und behauptet, das Haus ebenfalls gebucht zu haben.“

„Wie im Rollstuhl?“

„Ja, im Rollstuhl. Er heißt Jakob Lotze.“

Sie sagte nichts, ihre Gedanken ratterten.

„Und? Was machen wir jetzt?“, drängte er.

„Er muss weg. Wir sind jetzt hier. Er soll verschwinden.“

„Das habe ich gehört!“, schrie eine männliche Stimme Oberhalb der Treppe.

„Was sollen wir jetzt machen?“, fragte ihr Äffchen.

„Könnt ihr mir helfen mit dem Rollstuhl runterzukommen?“, schrie der Fremde und fügte hinzu:

„Ich bin Jakob Lotze, Lotze wie Fotze. Und holt mich gefälligst hier runter.“

„Was für eine Frechheit! Wer mietet sich ein solches Haus, wenn er im Rollstuhl sitzt“, flüsterte Charlotte. 

„Das habe ich gehört“, kam es prompt von oben.

Die Akustik im Haus muss besonders gut sein, vermutlich wegen denn Holzbalken an der Decke, oder hatte er besonders gute Ohren?

„Wir werde den Teufel tun“, schrie sie ihm voller Wut entgegen.

Das war eine neue Seite von Charlotte, so kannte Erdogan sie nicht. Sie blieb sonst, egal was passierte, stets kühn. Und diesen ganzen Zickenkrieg mit Iris hatte sie mit Bravour gemeistert, obwohl… Und ach, die Iris. Sie hatte sich bei ihm ausgeweint, sich an ihm geschmiegt wie ein kleines Kind, und er konnte sich dann zunächst nicht satt saugen an ihrer Oberlippe, die etwas hervorstand. Überhaupt hatte Iris so schöne weiche Schenkel.

„Du, willst du denn gar nichts tun gegen diesen fiesen Eindringling?“ Charlotte riss ihn zurück.

„Du brauchst nicht zu schreien, du Schlampe. Ich bin gehbehindert und nicht taub!“

„Aber, was…“, stammelte Erdogan.

„Schmeiß ihn doch endlich raus“, schrie sie ihn an.

„Babe es ist nichts, wofür du dich so aufregen musst. Schau mal, es muss hier eine Verwechslung vorliegen. Wir werden es klären und dann wird er gehen.“

Charlotte sank im Stuhl und grub ihr Gesicht in ihre Hände

„Warum nur, warum? Ich wollte doch nur eine Woche …“ sie schluchzte tatsächlich. Es fehlte, dass sie nach Kolonya rief.

„Aber, Babe, was ist los? Warum regst du dich so auf? Bitte beruhige dich. Schau, ich helfe ihm herunter und dann reden wir wie zivilisierte Menschen.“

„Nein!“ Sie sprang auf und hielt ihn mit beiden Händen fest. Dramatisierte sie nicht jetzt zu sehr? Zugegeben, es waren ihre Flitterwochen mit einem ungebetenen Gast. Ein Missverständnis eben, mehr nicht.

„Aber…“

„Ich habe Nein gesagt!“

Charlotte war dominant. Genau das reizte ihn, leider war das grad nicht so angebracht. Später, Babe, später sehr gerne, wenn sie allein waren und…  jetzt müssten sie sich um diesen Typen kümmern.

Erdogan Muss merkwürdig ausgeschaut haben. Charlottes Mund weitete sich aus, von Ohr zu Ohr und ihre Veneers kamen zum Vorschein. Die waren für Erdogans Geschmack ein wenig zu weiß geraten, und erinnerten ihn an dem Gebiss seiner Oma. Charlotte hatte sie leider vor ihrer Beziehung machen lassen. Er hätte sie sonst ein wenig beraten.

„Komm mein Äffchen, setzt dich doch bitte.“ Charlotte wurde ganz sanft und hauchte ihre Wörter fast unhörbar.

„Könnt ihr mich bitte holen, damit wir uns aussprechen können?“, wurde sie von Lotse unterbrochen.

„Ich meine, wir sollten uns absprechen, bevor wir ihn holen.“

Sie hielt die Hände ihres Äffchens, das sie durch dem dichten Wimpernkranz verdutzt ansah.

Er zog den Stuhl vom Tisch und setzte sich ihr gegenüber. Sie nahm seine Hände wieder in ihre, nicht dass er auf die Idee kam, wieder aufzustehen. Sie mussten zunächst einen Plan aushecken. Charlotte brauchte immer einen Plan. Spontanität war nichts für sie, da wusste sie den Ausgang nicht, da könnte Millionen von Möglichkeiten geben, das war sehr beunruhigend. Einen Plan zu haben, das war beruhigend, weil sie dann wusste, wie er ablaufen würde. Und für einen Plan brauchte sie Zeit, vor allem mussten beide an einem Strang ziehen, gemeinsam dieses vulgäre Ekel samt seinem Rollstuhl hinauskatapultieren.

„Äffchen, lass uns die Argumente zurechtlegen, was wir sagen wollen.“

Die Augenbrauen von Erdogan gingen zurück in ihrer gewohnten horizontalen Position, was Charlotte als einen kleinen, aber bedeutenden Sieg für sich buchte.

„Wir könnten checken, wer das Haus zuerst gebucht hat. Ich meine, Babe, wir haben es vor acht Monaten reserviert. Älter kann seine Buchung nicht sein.“

„Das denkst du“, und schallendes Gelächter kam aus oberer Etage herunter.

„Red leise“, flüsterte Charlotte. Dieser Unmensch sollte nichts von ihrem Plan mitbekommen. Und noch bevor Erdogan etwas erwidern konnte, beschloss sie:

„Das wird nichts. Er hat uns gehört.“

„Hmm.“ Erdogan zog die Augenbrauen zusammen, setzte seinen Ellenbogen am Tisch auf und stütze sein Kinn in den rechten Handballen.

Erdogan war zwar ein hübscher Kerl, aber vielleicht doch eine wenig einfältig? Aber, egal, sie war ja zum Denken da, und hey, sie war Charlotte, die Königin der Oberschlauen. Auch wenn Iris sie als größte Intrigantin ever nannte. Aber, wer war schon Iris. Der hatte sie es gehörig gezeigt. Iris platzte nur so vor Neid und hatte sich bei Erdogan beschwert. Und? Nichts war. Charlotte hatte Erdogan mit ihren Argumenten überzeugt.

Aber hier und vor allem der da oben war nicht Iris. Er war eindeutig ein größeres Kaliber, da bräuchte sie ebenfalls etwas gleichwertiges.

„Wie ist er da oben hingekommen?“

Sie bewegte nur ihre Lippen, ganz ohne Ton, so dass Erdogan mit zusammengezogenen Augenbrauen sie anschaute. Sie wiederholte den Satz, dabei die Lippen ganz langsam bewegend. Er schüttelte den Kopf, zog die Schultern nach oben und die Mundwinkeln nach unten. Er wusste es wohl nicht.

So mussten sie ab jetzt kommunizieren, ohne dass dieser Fiesling sie verstehen konnte. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und schrieb Erdogan eine Nachricht. Doch, hier gab es kein Netzt. Also hielt sie das Gerät einfach ihm vor der Nase.

„Leute, was los da unten? Ihr könnt auch zu mir kommen. Ich bin vorbereitet.“

Charlotte legte ihre Finger auf die Lippen. Erdogan sollte jetzt bloß nichts sagen.

„Seid ihr noch da? Hey!“ Der ungebetene Gast schrie nun, und Erdogan verstand nicht, warum Charlotte so reagierte. Was sollte das, dieses von den Lippen lesen, Nachrichten auf dem Handydisplay schreiben? Da oben war nur ein Mann, Opfer einer Doppelbelegung.

Aber, eine Sache verstand er grad auch nicht. Wie war er die Treppe hochgekommen? War er womöglich ein Schwindler? Konnte er doch noch laufen? Charlotte hielt ihm erneut ihr Handydisplay zum Lesen hin. Und da stand tatsächlich:

„Lass uns ihn rausschmeißen, samt seinem Stuhl.“

Er war entsetzt.

„Nein, auf gar keinen Fall!“, rief er laut und sprang auf. Wo sollte der nur hin? Und bei dem Wetter? Was war nur in sie gefahren? Was genau war der Grund für ihre heftige Reaktion? Eine dumme Doppelbelegung?

„Was für eine bekloppte Idee! Babe, wir sind zivilisierte Menschen. Ich gehe jetzt nach oben und werde ihm helfen, runterzukommen.“

„Nein!“ Sie sprang auf: „Warte!“

„Nein, hör nicht auf die. Hol mich runter, dann wird sich so einiges klären, Herr Doktor.“

Dieser verdammte Idiot. Er war tatsächlich gekommen, um Rache zu nehmen. Dabei war es nur ein Unfall gewesen, sie konnte nichts dafür.

„Mein Äffchen“, Charlotte wurde ganz sanft, griff nach seinen Händen und fuhr fort:

„Wenn du mir fünf… Hör zu, ich werde dir alles erklären.“

„Aber nicht flüstern, ich will wissen, ob du auch die Wahrheit sagst“, ertönte es von der Treppe.

Erdogan setze sich hin. Was genau passierte hier gerade? Was hatte sein Babe mit diesem Mann im Rollstuhl zu tun? Charlotte nahm ebenfalls Platz.

„Er ist mein Ex-Mann“, platze es aus ihren perfekt geschminkten und modellierten Lippen heraus.

Hörte er richtig? Babe war mit einem Behinderten verheiratet gewesen? Seine frisch vermählte Frau, die ihren stählernen Körper so sehr optimierte, war mit ihm da oben verheiratet gewesen? Mit einem Krüppel? Nein, so sollte er nicht denken. Er war schließlich Arzt. Er schaute sie an.

„Sie ist schuld, sie allein!“, schrie der Typ.

„Halt die Klappe!“ Was für ein Albtraum! Sie war nun sehr wütend und der Ohnmacht nah. Entschlossen stand sie auf. Sie lief zur Küchenzeile, öffnete wild die Schubladen und durchwühlte alles. Dann zog sie in ein Fleischbeil heraus.

Er war gekommen, um sie fertig zu machen. Mit diesem Rollstuhl, das war wirklich lächerlich. Und dieser Erdogan war zu nichts zu gebrauchen.

„Erdogan, sieh dich vor! Ich sage dir nur eins, sie ist gemeingefährlich.“

Die Stimme des Mannes klang nun etwas verängstigt. Erdogan starte Charlotte an, die in ihrer linken ein Küchenbeil hielt und weitere Schubladen durchwühlte.

„Was hast du damit vor?“

„Ich dachte, ich hätte ihn für alle Zeiten los, er wäre für immer in der Klapse. Aber, wie du siehst, ist er zurück“

Sie drehte sich zu ihm um. In ihren Augen sah er das blanke Entsetzen. Ihre makellose Schönheit war verrutscht, die Angst schien das Gesicht nach unten zu ziehen.

„Er ist verrückt, er wird uns beide umbringen.“

„Babe, ich mache mir Sorgen um dich.“

„Sieh dich vor Erdogan, deine Frau ist gemeingefährlich! Das ist eine Falle. Welcher vernünftige Mensch macht Urlaub an so einem beschissenen Ort, an so einem Weltuntergangswetter? Sie wird uns beide umbringen!“

„Du mieses Schwein, ich werde dir dein Schandmaul schon stopfen.“

Bewaffnet mit einem Hackebeil und Transchiermesser riss sie sich von der Küchenzeile los und rannte zur Treppe. Doch bevor sie die erste Stufe nach oben erklimmen konnte, wurde sie von Erdogan gestoppt.

„Babe, Babe, bitte, beruhige dich und erzähl mir alles.“

„Komm, komm nur, komm ruhig zu mir, nur du und ich. Und bringe mir ruhig auch ein Messer mit. Aug um Auge.“

„Da! Da! Siehst du nicht, in welche Lage ich mich befinde? Der will mich umbringen. Ein Psycho!“

„Du hast sie umgebracht. Du bist eine Mörderin! Du allein bist schuld!“, schleuderte dieser Mistkerl ihr entgegen.

Sie musste sich beruhigen. Sie war nicht allein, Erdogan war hier, ihr Mann, ihr Liebling, ihr ein und alles. Warum nur reagierte sie so? Die Zeit, als sie alles allein durchstehen musste, war vorbei. Sie waren jetzt zu zweit. Nur nicht überhitzt reagieren. Dieses Monster von Mensch da wollte sie reizen, und dann zu einer unüberlegten Handlung zwingen. Wie damals. Um dann sagen zu können, sie war an allem schuld. Was für ein krankes Hirn.

Sie legte Beil und Transchiermesser auf den Boden und zog ihr Handy für eine Nachricht.

Wir müssen ihn umbringen. Und bitte sag jetzt nichts, schreibe mir hier auch eine Notiz. Wir brauchen dringend einen Plan.“ Sie streckte Erdogan ihr Handy entgegen.

„Ihn umbringen? Geht gar nicht, wir rufen jetzt die Polizei.“ Er gab ihr das Handy zurück.

„Hast du schon vergessen? Wir haben das Haus gemietet, weil wir weder Netz noch einen Telefonanschluss wollten. Wir müssten raus und runter zum Dorf, und das ist zu Fuß unmöglich. Und dann dieses Scheißwetter.“ Sie reichte ihm das Handy wieder.

„Warum seid ihr so ruhig?“, kam es aus dem Schlafzimmer.

„Was genau plant sie, Herr Doktor? Ich sage nur eins: was es auch immer ist, ich habe auch einen Plan.“

Erdogan konnte nicht mehr richtig denken. Er schaute Charlotte an.

„Du erzählst mir jetzt alles, laut und deutlich, was passiert ist.“

Er zog sie zurück zum Tisch, ließ sie sich hinsetzen und nahm Platz am Stuhl neben ihr. Sie begann leise zu erzählen und schaute dabei auf ihre Hände am Tisch.

„Wir waren nicht lange verheiratet. Und da ist etwas vorgefallen, das ich nicht gern erzähle, weil ich selbst die ganze Geschichte vergessen möchte.“

„Du hast sie umgebracht, du Mörderin.“

„Das ist nicht wahr!“

Wem würde Erdogan jetzt glauben? Würde ihr Äffchen noch zu ihr halten, wenn sie doch so etwas Einschneidendes ihm nicht erzählt hatte? Ach, da hatte sie wirklich einen Fehler gemacht.

„Kann es sein, dass alles richtig war, was Iris über dich erzählt hatte?“

„Was hat das jetzt mit Iris zu tun?“

„Sie hat mich vor dir gewarnt und alle deine Intrigen offengelegt. Schnüffeleien, falsche Behauptungen, Lügen, Einschüchterungsversuche gegenüber so einigen Kolleginnen? Das alles war also wahr? Iris hatte da nichts übertrieben, nichts erfunden, wie ich dachte?“

Er fuhr sich mit beiden Händen durch sein dickes Haar und stand auf, ging ein paar Schritte auf und ab.

„Ich habe nichts davon geglaubt, weil ich dachte, sie erfindet Sachen, weil sie mich nicht verlieren will.“

„Ach ja, das macht mich jetzt zu einem Monster, nicht? Und dich zu einem Heiligen? Um dich wurde gekämpft. Ja, ich habe für dich gekämpft, weil ich dich geliebt habe, und immer noch liebe. Da gehe ich bis zum Äußersten. Aber nein, du kennst das nicht Erdogan, wie das ist, sich alles erkämpfen zu müssen. Du hast immer im Mittelpunkt gestanden, dich hatten alle von Anfang an gefeiert. Quo Geburt, weil ein Junge in einer türkischen Familie mit weiteren drei Töchtern, du geliebter Prinz, was hast du schon eine Ahnung von Liebe und Kampf um Aufmerksamkeit? Du betrittst einen Raum und alle Weiber raunen. Ich aber wollte es nicht nur bei einem Raunen belassen, oder ein paar Seitensprünge, die hatten wir durchaus gehabt. Und du mein Unschuldslamm, du warst da noch mit Iris zusammen, du hast sie also bewusst betrogen. Als sie dich darauf ansprach, hattest du nicht mal die Eier, ihr zu gestehen. Du hast die Lüge vorgezogen, und mich verleumdet, als hätte ich gelogen. Und deine naive Iris hat daran geglaubt und mich angegriffen, mich als Schlampe im ganzen Krankenhaus verleumdet, überall, bei jeder Gelegenheit. Und du mein Liebling, mein Äffchen, da hat mich die Wut gepackt, dass ich mich entschloss, dich dieser Null von Frau wegzunehmen. Und wir erstaunt ich war, als es so einfach ging. Und warum war das so?“

„Er hat dich geliebt, wie ich dich damals geliebt habe. Ich habe dich sehr geliebt, du falsche Schlange“, kam von oben.

„Halt die Klappe. Du bist noch nicht dran“, schleuderte sie ihm entgegen.

„Er hat recht, Babe, ich habe dich geliebt.“

„Oder, vielleicht doch mein Geld?“

„Welches Geld? Du arbeitest mit mir im Krankenhaus als Krankenschwester. Hättest du welches, würdest du nicht arbeiten.“

„Ach, ja. Und warum hast du in meinem Umfeld geschnüffelt? Bei meinen Freundinnen, über mich ausgefragt?“

„Nichts dergleichen habe ich gemacht. Zugegeben, nachdem Iris dich beschuldigt hatte, wollte ich nur wissen, wie weit sie recht hatte.“

„Und was hatte mein Vater damit zu tun?“

„Dein Vater?“

„Hattest du etwa keinen Privatdetektiv engagiert, der hinter meinem Daddy geschnüffelt hatte?“

„Natürlich nicht!“

„Doch! Das hast du. Bestimmt nach dem jemand dir erzählt hatte, wie vermögend er war, aber gleichzeitig auch sehr geizig. Er hat nur mich, sonst keine weiteren Erben. Aber das hattest du ebenfalls herausgefunden. Vater hatte mich ins Internat gesteckt, damit er sein Geld und Geiz vermehren konnte. Es hatte dich wenig interessiert, wie es mir dort ergangen ist, viel mehr hast du deine Recherchen in Richtung Gesamtvermögen meines Vaters gemacht.“

„Und deswegen fühltest du dich befreit, mir nichts aus deiner Vergangenheit zu erzählen? Weil du ja wusstest, dass ich alles herausgefunden hätte? Ist das deine Entschuldigung?“

„Und du hast Iris den Laufpass gegeben, weil du wusstest, was ich alles erben würde. Dass mein Vater krank ist, das wusstest du natürlich auch.“

„Ja, so war das, du hast es erfasst. Ich habe nur dein zukünftiges Geld geliebt, so ist es. Ich gebe es zu und habe meine Ruh. Schau dich doch an. Was sonst würde ich an dir lieben können? Deinen Körper etwa? Was daran ist noch ursprünglich und echt?“

„Da ist durchaus was Echtes daran, was du leider nicht sehen kannst: Meine Liebe zu dir. Was meinst du, warum der Körper so ist? Schade. Es scheint, dass du meiner bereits überdrüssig geworden bist.“

„Ja, durchaus, ich bin deinen Kontrollzwang überdrüssig, deinen Willen, über alles herrschen zu müssen, Menschen nach deinem Gusto manipulieren zu müssen. Warum sind wir auf diesem gottverdammten Berg, an so einem sintflutartigen Wetter? Wo es doch Seychellen gibt. Wie gern wäre ich jetzt dort, und würde mich in badewannenwarmes Meer legen.“

„Weil ich uns hier eine Woche ganz für uns haben wollte. Das uns niemand stört, dass wir nur diese eine Woche von niemanden gesehen, gesprochen oder was auch immer werden. Und hattest du mir etwa nicht zugestimmt? Habe ich dich hierher zwingen müssen?“

„Nicht mal Netz habe ich.“

„Oh, das ist ja unerträglich, eine Woche ohne Nachrichten von deiner Mutter. Erdogan, was bist du für ein Muttersöhnchen.“

„Nur weil du keine hattest, du Schlampe. Mütter sind heilig“, brüllte der Typ dazwischen.

„Lass bloß meine Mutter da raus. Sie hat dir nichts getan.“

„Sie hat dich total verzogen und zu einem Weichei gemacht.“

„Deine hat dich verlassen. Such dir aus, was schlimmer ist, du Bitch.“

Ein Ekel, aber er hatte er recht. Charlotte hasste ihre Mutter, und vermutlich dadurch alle Mütter. Sie war benommen und fühlte sich schutzlos, wie in ihrer Kindheit, wenn die anderen sie in der Grundschule mit verstohlenen Blicken anschauten und sie vermutlich bemitleideten. Sie war das einzige Kind, dessen Mutter abgehauen war. Sie war das Kind, das mit dem Vater allein lebte. Und der es zwar sich mit ihr mühe gab, aber er musste nun mal arbeiten, konnte weder kochen noch Wäsche waschen. Die Nachbarin kam ein Mal am Tag vorbei, aber der Vater stritt sich gleich mit ihr. Weil sie das Licht zu früh anknipste und unnötig lange brennen ließ. Und so saßen sie zu zweit am Küchentisch, fasst im Dunkeln, weil laut ihm draußen noch hell genug war.

Er hatte sie dann weggeschickt, in ein Internat. Und alle ihre Schulfreundinnen aus der Grundschule hatte sie nie wieder gesehen. Ab da hatte sie entschieden und erzählt, ihre Mutter wäre früh gestorben. Wenn der Tod einen mitnimmt, ist es weniger schlimm. Bei ihrem ersten Ehemann hatte sie leider den Fehler gemacht und von ihrer Kindheit erzählt, wie sie wirklich gewesen war. Und dieser Trottel hatte nichts Besseres zu tun gehabt, alles brühwarm seiner Mutter zu erzählen. Charlotte hatte die Alte gehasst.

„Sie hat einen Mutter-Komplex und hat meine umgebracht“, schrie es runter.

Erdogan schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich wusste nichts davon. Warum hat mir dieser Detektiv nichts von deiner Mutter erzählt?“

Er hätte vielleicht nicht den günstigsten nehmen sollen.

„Hört sich einer an Lottchen. Eben noch hat er behauptet, er hatte hinter dir keinen Detektiv schnüffeln lassen.“

Charlotte war das nicht entgangen.

„Babe, mit deiner Mutter… es tut mir wirklich leid.“

So ein Lügner. Was genau sollte ihm leidtun? Sie allein war schuld. Sie hatte zwei Männer geheiratet. Und beide waren Müttersöhnchen.

„Stimmt das, was er behauptet?“, fragte Erdogan zaghaft.

„Wieso? Hast du Angst um deine Mutter?“

„Das werde ich zu verhindern wissen. Hier kommst du nicht weiter mit deinen Gemeinheiten. Hier musst du dich mir stellen und zugeben, dass du Mutter umgebracht hast.“

Sie stand auf, lief zur Treppe und nahm das Tranchiermesser zu sich.

„Ich habe deine Mutter nicht umgebracht, aber dich werde ich mit Vergnügen umbringen, du miese Ratte.“ Wutentbrannt erklomm sie die Stufen. Da fiel ein Schuss.

„Da hast du es, du Biest!“

Erdogan war in Panik, sah wie Charlotte zurückfiel. Der Typ war wahnsinnig.

„Hör auf, hörst du, hör einfach auf! WAS hast du vor? Willst du sie umbringen?“

Er eilte zu ihr. Sie hatte nichts, nur einen Schock vom Knall. Er half ihr hoch, und hockte sich neben ihr.

„Jetzt reicht es mir!“ Erdogan schrie so laut er konnte. Dann stand er auf, ging ein paar Schritte auf und ab, strich sich über den Kopf. Und blieb stehen.

„Du da oben, ich hole dich runter. Und dann reden wir, ok?“

„Ist sie tot?“, kam als Antwort.

Charlottes Ohren piepsten so laut, dass sie nichts hörte.

„Lottchen? Sag doch was. Was ist mit dir?“, winselte er weiter.

„Sie hat grad nen Schock. Ich komme hoch, ok? Die Waffe schmeißt du jetzt runter.“

„Aber, das ist nur eine Schreckschusspistole. Sie wird mich umbringen, wie sie meine arme Mutter getötet hat.“

Jetzt weinte der Typ hysterisch.

„Ich nehme sie an mich. Und verspreche dir, dass dir nichts passiert. Einverstanden?“

Es herrschte Stille. Erdogan musste so weiter machen und ihn überzeugen. Auf ihn zugehen. Gott sei Dank war Charlotte jetzt still.

„Wir sind drei vernünftige Menschen und werden, wie vernünftige Menschen miteinander reden. Ich komme jetzt hoch. Und nun, wirf mir die Waffe.“

Der Typ heulte jetzt deutlich und schnäuztet sich laut. Erdogan musste die Situation ausnutzen.

„Komm, wirf einfach die Pistole runter. Ich werde dir zuhören und gemeinsam schaffen wir das.“

Wieder ein lautes Schnäuzen und dann landete die Pistole krachend neben ihm auf den Fußboden. Er hob sie und klemmte sie in seinem Gürtel.

„Ich komme jetzt.“ Er sah Charlotte immer noch unbewegt sitzen. Später würde er sich auch um sie kümmern müssen. Aber jetzt den Typen herunterholen.

Oben wartete Lotze auf ihn. Ein sehr unscheinbarer Mann Mitte dreißig. Er hätte Charlotte ein wenig mehr Geschmack zugetraut. Erdogan hievte den kleinen uns schlanken Kerl hoch, und kam mit ihm mühsam die Treppe herunter. Er setzte ihn auf einen der Stühle am Tisch und holte dann seinen Rollstuhl.

„Wie bist du eigentlich da hochgekommen?“, fragte er ihn.

„Ich bin nicht der Angeklagter hier. Das ist sie da!“ Lotze zeigte mit dem Finger auf Charlotte. Sie hatte immer noch dieses wahnsinnige Piepsen in den Ohren. Aber, so langsam musste sie etwas unternehmen. Jetzt saß dieses Ekelpaket einfach hier, mitten in ihren Flitterwochen.

„Ich will nur Gerechtigkeit. Sie hat Mama auf dem Gewissen. Und ist einfach so davongekommen.“

Er steigerte sich in seiner Erregung. Und das würde Charlotte wieder aufregen. Erdogan musste hier die Lage unter Kontrolle bringen.

„Nun, wie soll ich dich nenne, Herr Lotze?“

„Andreas, ich heiße Andreas.“ Mit geröteten Augen fuhr er fot:

„Und ich verfluche den Tag, an dem ich dieses gerissene Misststück getroffen habe.“

„Geht mir genauso, du Psycho.“

Charlotte hatte keinen Plan. Die Zeit reichte dafür nicht aus. Also musste sie hier die Wahrheit sagen.

„Ich habe deine Mutter gehasst, ja, das schon. Und auch umbringen, ja auch darüber habe ich oft nachgedacht. Aber dazu bin nicht gekommen. Ich hatte noch nicht zu Ende gedacht.“

„Doch, sie ist doch tot, du Mörderin, du hast sie umgebracht.“

Andreas schaute hilfesuchend Erdogan an.

„Hast du doch auch gehört, sie hat es zugegeben.“

„Lassen wir sie einfach ihre Sicht erzählen.“

„Wie gesagt, es war so nicht geplant. Es war eine spontane Handlung. Die hab ich selten. Ich weiß auch warum. Weil sie nie richtig gut enden, wie jetzt hier. Das hier wird auch nicht gut enden.“

„Was genau ist verdammt noch mal passiert?“, fragte Erdogan ganz barsch, weil er es nun endgültig satthatte.

„Sie hat ihre Lieblingskatze einfach so aus dem Fenster geworfen.“

„Einer ihrer Katzen. Diese Verrückte hatte dutzende Viecher, und überall waren sie. Die ganze Wohnung stank nach Katzenpisse. Kannst du es dir vorstellen? Eine über 200 qm Wohnung, beste Lage in Wiesbaden, mit so wertvollen Antiquitäten ausgestattet, da waren tatsächlich Seidentapeten an der Wand. Und Mittendrin diese Frau, die nie ihren Morgenmantel auszog und diese Katzen. Das war zum Heulen.“

„Wie kannst du nur, du Monster…“ er heulte wieder.

„Und dann?“

„Die Katze ist geschreddert worden!“, schrie Andreas.

„Das wollte ich nicht und es tut mir leid.“

Charlotte senkte ihre Lieder und meinte dann weiter:

„In der Straße waren an dem Tag Arbeiter, die Bäume beschnitten und Äste schredderten. Da ist die Katze leider gelandet.“

„Und meine arme Mama hatte das gesehen. Sie war herzkrank und …“ er nahm sein Gesicht in beide Hände und schluchzte.

Erdogan legte ihm seine Hand auf den Rücken.

„Es tut mir unendlich leid. Ich liebe meine Mutter sehr und kann deinen Schmerz nachempfinden.“

Er schaute Charlotte an. Jetzt war die Phase der Deeskalation. Und sie sollte ihn jetzt richtig verstanden haben, also blickte er sie die ganze Zeit an und sagte:

„Charlotte tut es in Wirklichkeit auch sehr leid. Sie hat ihre Muttertrauma nicht überwinden können. Und das mit der Katze war zwar heftig, aber nicht vorsätzlich. Es hatte nichts mit deiner Mutter zu tun. Oder Charlotte?“

Sie senkte ihren Kopf.

Andreas Lotze schluchzte weiter in seine Hände. Erdogan stand auf, lief zur Küchenzeile und riss ein Blatt von der Küchenrolle ab.

„Hier.“

Im Grunde war er kein schlechter Mensch. Laut Erdogans Mutter waren wahrhaft böse Menschen nicht in der Lage, Tränen zu vergießen. Sie war davon überzeugt, dass sie keine besaßen. Das war bestimmt der Grund, warum sie bei jeder Gelegenheit weinte. Nun, von diesem Andreas wäre Mutter sicherlich begeistert gewesen und würde aus Solidarität ein paar Tränen mit vergießen. Wäre schön, wenn dieser Akt jetzt von Charlotte käme. Aber, sie schaute nur auf ihre Hände im Schoß.

„Was haltet ihr, wenn wir ein Glas Champagner trinken? Ist ja eh nun geöffnet und es wäre schade drum. Hmm?“ Erdogan blickte erst Andreas, dann Charlotte. Sie hob ihren Kopf und kräuselte die Stirn.

„Ich meine so eine Art Friedenspfeife? Dass wir zivilisierte Menschen unsere Auseinandersetzungen auch ausdiskutieren können, das ist es doch. Darauf müssen wir trinken. Und dann reden wir weiter.“

Er stand entschlossen auf. So musste er das hier handeln. Gar nicht die beiden einbeziehen, einfach machen, solange sie noch in ihrer Schockstarre saßen.

„Warum sitzt du im Rollstuhl?“, hörte er Charlotte fragen.

„Multiple Sklerose. Der Tod von Mama muss sie bei mir ausgelöst haben. Aber, es ist nicht immer so schlimm wie heute. An manchen Tagen geht es mir sehr gut. Da brauche ich nicht mal einen Rollstuhl.“

Sie schaute ihn an. Er war ein Jammerlappen, schon immer gewesen. Sie wunderte sich, was sie damals an ihm gefunden hatte. Vermutlich, weil er so an ihr hing. Mit seinen grünen Kulleraugen und den goldbraunen Locken, sah er so unschuldig aus. Er hatte was von ewig Kindlichem. So ganz anders als sie. Das hatte sie beeindruckt. Und später genervt. Auch ohne seine Mutterliebe hätte sie ihn früh oder später verlassen.

„Tut mir leid“, sagte sie nur.

„Und hier kommt schon unser edler Tropfen.“

Erdogan brachte drei Sektflöten mit prickelndem Inhalt und stellte sie vor jeden auf den Tisch. Diesen Anlass hatte sie sich ganz anders vorgestellt. Andreas lächelte und war anscheinend wieder ganz hergestellt. Wie schnell das bei ihm ging? Und alle seine Beschuldigungen würden jetzt mit einem Schluck heruntergespült werden. Warum nur hatte er sich das in den Kopf gesetzt? Sie waren doch schon so lange auseinander und hatten sich nicht gesehen.

„Eine dumme Überbuchung, oder? Nun, lasst uns trinken. Wir können auch einen Happen essen. Was meint ihr?“

„Nein, so war es nicht. Ich muss euch das leider gestehen. Wenn wir schon mal bei der Wahrheit sind.“

Erdogan blieb auf der Hut. Er musste dafür sorgen, dass die Situation nicht weiter eskalierte. Sie sollten dabei etwas essen. Wenn Hand und Mund beschäftigt waren, dann würden die beiden weniger auf die Idee kommen, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen.

„Warte noch. Ich hole uns ein paar Teller.“ So eilte er zur Küchenzeile, öffnete hastig Türen und Schubladen. Und verfluchte doch den Tag. Aber, die Gefahr war noch nicht vorüber. Und sie kam weniger von dem Typen im Rollstuhl. Charlotte. Wenn er ehrlich war, und hier sollte er es zumindest zu sich selbst sein: Charlotte hatte schon recht. Das Geld ihres Vaters hatte eine wesentliche Rollte gespielt. Er nahm das Brot aus dem Körbchen und fing es in Scheiben zu schneiden. Und schämte sich. Das Geld hatte ihn geblendet, nicht Charlotte. Sie tat ihm leid.

„So, hier. Wir haben frisches Landbrot, Oliven, Schafskäse.“ Er sprach, um die Stille zu füllen, um seine eigenen Gedanken zu übertünchen. Es war jetzt, wie es war. Charlotte war seine Frau. Sie hatte damit kein Problem. Er sollte daraus keins machen.

Schweigend nahm jeder eine Scheibe Brot.

„Die Oliven, die sind wirklich sehr lecker. Vom Türken meines Vertrauens.“

„Du wolltest gerade erzählen, wie es war.“

Charlotte. Sie wollte es wirklich wissen.

Andreas legte die Scheibe zurück auf dem Teller und zog seine Hände zurück.

„Das Chalet hier gehört einer Bekannten von mir. Ich war schon oft mit ihr hier. Sie lässt es über eine Agentur vermieten und möchte aber immer informiert werden, wer es mietet. So habe ich erfahren, dass meine Ex-Frau es für diese Woche reserviert hat. Und da ist mir alles wieder hochgekommen. Dabei hatte ich Jahre gebraucht, um einigermaßen therapiert zu werden!“

Wären sie bloß in die Karibik oder wie Erdogan eigentlich haben wollte, zu den Seychellen geflogen.

„Und dann hast du dir einen Plan zugelegt, mich umzubringen.“

„Aber nein doch. Ich wollte dir nur einen Schrecken einjagen. Die Waffe ist nicht echt. Ist von dieser Freundin, der das Chalet gehört. Sie meinte, das müsste ich machen. Dir so eine Angst einjagen. Dann hätte ich Mutter gerächt.“

„Einen Schrecken hast du uns durchaus gejagt. Das ist dir gelungen. Aber, jetzt wollen wir was essen, oder?“

Es musste mal Schluss sein. Nicht dass sie wieder anfingen. Erdogan musste sie friedlich zum Essen überreden.

„Das tut mir leid. Aber, es war die Absicht. Daher war ich am Anfang auch so vulgär. Was sonst nicht meine Art ist, wirklich. Oder?“

Er schaute sie von der Seite an. Sie nickte und konnte sich tatsächlich ein Lächeln nicht verkneifen. Sie hatte ihn nicht erkannt, als er sich so mit Lotze vorgestellt hatte, Lotze wie … Auf was für Ideen er kam…Sie lachte jetzt richtig. Dabei heißt er Blümel. Blümel wie … Lümmel… Und musste wieder lachen. Die ganze Anspannung rinn ihr aus den Schultern herunter. Sie hatte sich da so richtig hineingesteigert. Mit Küchenbeil und so. Hatte sie tatsächlich vor ihn umzubringen? Hätte sie es gekonnt? Die Katze fiel ihr ein. Wie sie sie gepackt hatte. Das ging damals schnell. Das Vieh am Fell gepackt und ohne das es einmal miauen konnte, direkt aus dem offenen Fenster hinausbefördert. Nein, sie hatte nicht darüber nachgedacht. Und heute? Wer weiß das schon. Sie sah, wie ihr Ex-Mann die Sektflöte fast waagerecht am Mund hielt und dann etwas laut auf dem Tisch stellte. Dann fing er ihren Blick ein, lächelte wie ein Kind und wanderte seinen Kopf zu Erdogan.

„Ihr lasst euch wahrlich nicht lumpen. Der Champagner ist exzellent.“

„Das ist unsere Flitterwoche. Charlotte hat an alles gedacht. Nicht war mein Babe.“

Sie war schön, wenn sie lachte. Und das war, weil sie dann ihr Gesicht nicht kontrollierte. Die Züge entglitten ihr, der Körper wirkte wie ein Soldat auf Freigang. Das hatte Mutter gesagt. Warum ist sie so, hatte sie gefragt. Und Erdogan konnte nicht verstehen, was Mutter meinte. Na, wie denn? So wie ein Asker, ein Soldat, alles auf Zack. Erdogan hatte dann das Bild bei sich gespeichert. Er sah in sein Babe einen kontrollierten Kadetten. Jetzt verstand er sie, warum sie so war. Es war nicht die Stärke, die er an ihr bewundert hatte. Sie war gespielt, und jetzt, da saß sie und lachte, und ihr Körper und Gesicht waren zwar nicht adrett anzusehen, nicht dieses aufgesetzte breite Lächeln mit den makellosen Veneers, sondern sie schüttelte sich unkontrolliert. Ihre Schultern bebten, ihr Kopf fiel ihr auf die Brust, die blond gesträhnten Haare waren teilweise aus ihrem Pferdeschwanz gelöst und hingen hierhin und dorthin. Ihre hellen Augenbrauen wirkten ungleich und im Gesicht verschoben. Wie aus ihrem Kontrollzwang erlöst, schauten ihn unbekümmert und friedlich ihre eisblauen Augen an. Sogar die verschmierte Wimperntusche war gerade ungemein schön in ihrem Gesicht.

Jetzt, so wie sie war, begann Erdogans Herz vor Rührung höher zu schlagen. In seinem Bauch verbreitete sich eine wohlige Wärme. Er wünschte sich, sie würde immer so sein. Er lächelte sie vor Freude und Dankbarkeit an. So war also die echte Charlotte, in die er sich gerade regelrecht verliebte, vielleicht zum ersten Mal.

Vorher war er von Charlotte fasziniert gewesen, von ihrer Stärke, von ihrem Kampfwillen, diese feurigen Augen, die, ja das musste er zugeben, auch vor Lüge und Hinterhalt nicht Halt machten. Er war eher geschmeichelt gewesen, dass sie so vehement um ihn gekämpft hatte. Er war von ihr erobert worden und das hatte ihm gefallen. Mit so einer Frau konnte ihm nichts geschähen, hatte er gedacht. Und wie recht er hatte. Auch heute wollte sie bis zum Äußersten gehen. Sie hätte ihren Ex einfach so umgebracht. Es schauderte ihn. Wie gut, dass er die Nerven behalten und die Situation gerettet hatte.

„Ich bin auf jeden Fall sehr froh, dass wir hier sitzen und trinken“, sagte er. Und stand auf und füllte die Gläser nach.

„Lasst uns anstoßen. Auf, dass wir Freunde bleiben. Das Schicksal hat uns hier gespült, an diesem einsamen Ort, an diesem sintflutartigen Tag. Lasst uns das Beste daraus machen.“ Er hob sein Glas Richtung Charlotte. Sie nahm ihr Glas und stoß mit seinem, dann drehte sie sich zu Andreas Blümel zu und stoß auch mit ihm. Erdogan machte ihr nach. Dann tranken sie schweigend und lächelten zufrieden vor sich.

Es donnerte ohrenbetäubend. Eine Schlammlawine mit pechschwarzem Wasser löste sich vom Berg und toste herunter. Sie spülte den Hang, die Tannen, das Chalet und die drei mit sich bis ins Tal hinunter.