Pupuze Berber

Ali, die anderen und Ich

Sexliteratur aus der Sandkiste

Als ich anfing, einen Roman zu schreiben, worin sexuelle Handlungen explizit beschrieben werden sollten, merkte ich, wie befangen ich dabei war. Da saß ich dann mit Kuli und Kladde auf der Treppe vor der Musikschule mit Blick auf den Kinderspielplatz – und versuchte zu beschreiben, wie sich meine Heldin durch die Türkei vögelte. Es blieb meistens beim Versuch. Ich war nicht in der Lage, auch nur das Wort „Schwanz“ zu schreiben, ohne Herzrasen oder feuchte Hände zu bekommen.

Woran lag das bloß? War womöglich meine Herkunft schuld daran, die Türkei, die türkische Kultur, die mich prägte und daran hinderte, über die schönste Nebensache der Welt zu schreiben? Nun, das Buch konnte ich nach einigen Anläufen doch noch beenden, aber die Frage, ob und wie die kulturellen Unterschiede mein Schreiben beeinflusst hatten, beschäftigt mich weiterhin.

Ist die Sexualität in der Kultur meiner Herkunft ein Tabu, worüber man nicht spricht? Hatte ich deswegen Hemmungen und war prüde? Nun ja, wenn ich überlege, dass meine Eltern den Fernsehkanal wechselten, sobald sich zwei Leute küssten, oder mein Großvater uns Kindern weismachen wollte, dass dort der Mann die Zähne der Frau kontrollierte, also eine Art Zahnarzt sei, dann ist eine gewisse Tabuisierung durchaus vorhanden.

Auf der anderen Seite ist die Sexualität allgegenwärtig in Schimpfwörtern, in Form des verbalen Abreagierens, wenn Menschen aufeinander sauer sind. Dann wird auf Türkisch schnell „gefickt“, wo auf Deutsch ein schlichtes „Mist“ oder „Scheiße“ ausreicht. In meiner Herkunftskultur gibt man sich mit den schlichten Fäkalien nicht ab, nein, da geht es rustikaler zu.

Und falls der Eindruck erweckt wird, dies wäre ein bevorzugter Radaustil der Männer, muss ich korrigieren: Frauen benutzen ihn ebenfalls in verschiedenen Variationen. Meine Mutter denkt sich jemanden aus, der es dem Beschimpften besorgen soll, und wenn sie „Arap“ sagt – damit meint sie einen Schwarzhäutigen – ist ihre Wut besonders groß. Die verstorbene Oma hingegen übernahm den Akt der sexuellen Sanktionierung lieber selber. Dann knüpfte sie sich die ganze Sippschaft des Gemaßregelten vor, als sei sie in Fahrt gebracht worden und könne nicht bremsen – wie ein LKW mit geplatztem Reifen.

Es war schon sehr merkwürdig, in einem Umfeld aufzuwachsen, wo bei einer harmlosen Kussszene im Fernsehen eilig umschaltet wurde, im selben Atemzug man sich jedoch verbal fickend über die Sippschaft hermachte.

Nun, das seien eben einfache Menschen, Unterschicht, anatolische Bauern, bekam ich von Freunden zu hören, das ist doch keine Kultur! Ich müsste mich mehr in der Literatur umschauen. Wie offen oder nicht offen wird dort die Sexualität behandelt?

Also begann ich zu recherchieren. Weil ich in Deutschland aufgewachsen bin und mich mit der türkischen Literatur kaum auskenne, fragte ich den Mann meiner Schwester, der als Lehrer in Istanbul arbeitet. Er nannte mir ein paar Romane, worin ich Sexbeschreibungen finden konnte. Darunter „Turbane in Venedig“ von Nedim Gürsel, ein in Paris lebender türkischer Autor. Glücklicherweise hatte ich dieses Buch sogar auf Deutsch vorliegen.

„Unter dem Wintermantel gleitet seine rechte Hand zu Lucias Beinen. Etwas weiter oben, direkt unter dem weggerutschten Rock, fand er das kleine, haarige Biest, ein Felltierchen.“ Da in meiner Herkunftskultur Haare am Körper unerwünscht sind, insbesondere bei den Geschlechtsteilen, fühlte sich Kamil, der Protagonist im Roman, wohl angeekelt? Oder warum nennt er die Vagina ein Biest? „Er zog seine Hand sofort weg“, lese ich weiter, „als ob er sich verbrannt hätte“. Eindeutig traumatische Zustände wie bei mir, denn wie kann man sich an einem feuchten Ort verbrennen?

Lucia gefällt das nicht. Sie schiebt seine Hand zum „Biest“ zurück und lässt sie weiterreiben, bis sie „nahe dran war zu schreien. Im gleichen Moment spürte er etwas Warmes, Schleimiges an seinen Fingern.“ Ist das ein Beweis, dass der türkische Mann nichts von der Frau versteht? Zumindest deckt sich das mit dem Wegzappen der Kussszenen. Eben ein notwendiges Übel. Man muss darüber schreiben, zumindest wenn man in Paris lebt, in der Stadt der Liebe, muss sich der Autor dabei gedacht haben. Und da war die behaarte Muschi ein Biest. An späterer Stelle, als Kamil mit einer Nutte im Taxi nach Hause fährt, heißt es: „Eine Hand streichelte seinen Penis unter der Hose, er war also nicht allein. Er legte auch seine Hand zwischen den Schenkeln der Frau und fand das Tierchen.“ Die Frauen wechseln, das Tierchen bleibt.

Ich legte dieses Buch etwas verärgert zur Seite. Aber ein Autor macht noch keine Kultur. Die modernen türkischen Autoren schreiben über Sex immer in Kombination mit Liebe oder als Frucht der Liebe, das kannte ich bereits. Die Handlung wird oft umschrieben oder findet eine schnelle Erwähnung, ohne dass eine akkurate Beschreibung für notwendig erachtet wird.

In „Ince Memed“ lässt der größte Romancier Yasar Kemal den Leser im Dunkeln, wie Hatce von ihrer großen Liebe im Wald entjungfert wird. „Er fasst sie an den Handgelenken und zieht sie zum Felsen hin. Als sie zu sich kommt, ist Hatce eine Frau.“ In Ahmet Hamdi Tanpinars „Huzur“ geht Mümtaz mit der verheirateten Nuran eine heimliche Beziehung ein. Sie treffen sich zum Sex, aber auch hier lässt uns der Autor im Dunkeln, wie sie es treiben, als wäre das eine sehr private Angelegenheit der beiden.

Weiter zurück in der Literaturgeschichte begegne ich dem 1931 verstorbenen Mehmet Rauf. Der Autor, der mit „Eylül“ den ersten psychologischen Roman der Türkei geschrieben hatte, saß wegen eines dünnes Heftchens von 60 Seiten acht Monate im Gefängnis und wurde dabei seine gesellschaftliche Ehre los. In „Die Geschichte der Lilie“ beschreibt er pornografisch exakt den Akt sowohl zwischen Mann und Frau als auch zwischen zwei Frauen. Das Buch hat keine andere Handlung als die des Sexes; weder eine große Liebe, noch ein umständliches Anwerben drum herum. Im Gegensatz zu „Biest-Felltierchen-Kamil“ ist sein Protagonist gerade entzückt von der Genitalbehaarung seiner Gespielinnen.

Es machte mir Spaß, den Roman zu lesen, denn dieser Mann versteht die Frauen. Bevor er in seine 15-jährige Angebetete Zambak (Lilie) eindringt, bringt er sie tagelang mit Zunge und Hand zum Höhepunkt, um ihr Begehren für ihn zu steigern. Später genießt er als Voyeur aus seinem Versteck heraus die intimen Handlungen seiner zarten Lilie mit einer bekannten Lesbierin. Und als Höhepunkt, sowohl des Buches als auch für ihn, tritt er aus seinem Wandschrank hervor und verkehrt mit der Lesbierin – unter anderem anal.

Es gab und gibt also in meiner Herkunftskultur die pornografischen Texte, vermutlich wie in jeder anderen Kultur auch. Bei den alten Osmanen gab es die „Behnames“, spezielle Sexratgeber wie die Kama Sutra. An einer Stelle darin heißt es: „Im Sommer zu Frauen, im Winter zu jungen Männern.“ Dem Mann wurde Bisexualität empfohlen. Die Volkslieder sind noch heute voll von „wippenden Brüsten“ und anderen Anzüglichkeiten. Und MILF ist keine neue Modeerscheinung: „Was soll ich mit dir, schick mir lieber deine schöne Mutter“, schmachtet in einem Lied der Geliebte eines Mädchens.

Wie weit war nun diese Kultur an meinem Schreibhemmnis schuld? Oder lag es eher an den Kinderspielplätzen, wo ich die Geschichte schrieb? Oder war es eine Kombination aus beiden? Übertrug sich das Wegzappen der Kussszenen auf mich als Mutter? Spielte im Hintergrund das schlechte Gewissen aus dieser Zeit eine Rolle? War es so, dass ich mich schämte, im Beisein meiner Tochter über Sex zu schreiben? Etwa so wie meine Eltern sich geniert haben müssen, mit uns Kindern diese Szenen anzuschauen?

Wie auch immer. Die Antwort werde ich vermutlich nie herausfinden. Das Problem hatte ich sowieso gelöst: Ich schrieb die heißen Stellen einfach auf Türkisch. Denn in dieser Sprache lag mir, dank der alltäglichen Schimpfrituale, das reichhaltige Vokabular vom Ficken, Vögeln und Bumsen auf der Zunge.

Ohne Titel

Ohne Titel 

 

1)

Reit mich zu ‘nem Traum
Lass mich an Tischen spielen
Lass mich sehen, ob Glück nah ist
Oder entfernt wie Planeten
In der anderen Welt, halt mich fest
Wenn sich alles dreht

2)

Weiter steh‘n
Dich nackt an der Scheibe sehen
Weiter dreh‘n
Dein Licht in Illusionen brechen
Weiter geh‘n
Dir entrückt den Rücken kehren

3)

Ein blasses
Karussellpferd
Galoppiert
Und hinterlässt
Einen Brandherd
Das Kind drauf
Sieht nicht
Wen es
Mitnimmt

Es ist blind

4)

D o l l a r    s o l l    w e i ß e r    s e i n    a l s

K u h m i l c h

K u m m e r    k a n n    b u n t e r    s e i n    a l s

S m a r t i e s

P o r t e m o n n a i e   i s t   l e e r

N i r g e n d s   B e g e h r e n   m e h r

I c h   p u t z   d a n n   m e i n   G e w e h r

5)

Neonröhren flimmern
Hübsche Mädchen sirren
Nein, Nein! Es darf nicht sein!
Keine Zeit sich zu verlieben
Es ist noch Geld auszugeben
Oh ja! lass es uns zerstreuen!

6)

Wenn mich der Wahnsinn so beflügelt
Steig ich hoch und höher in die Atmosphäre
Wenn sich die Stadt in den Sand weit ausstreckt
Wie achtlos hingestreute Reißzwecke
Dann klaue ich der Nacht einen Strauß Sterne
Und schenke sie dir, meiner Zuckerschnute

7)

Sing laut ein Vaterunser
Vergiss nicht unsere Sache
Dein Reich ich so verlockend fand
Ich braucht‘ nur ein wenig Glück
Hoffnung mit Bang
Mal schwarz mal rot
Die Kugel ihre Runden dreht
Es geht nichts mehr, ich bete
Mein Wille geschehe

8)

Hey falscher Mann
Ich fand dich
In der Wüste Nevada
Du glaubst mir nicht
Allein weil ich sage
Auf Reißbrett entwickelt ist dein Heim
Virulent grell ist dein Schein
Wenn ich nicht aufpasse
Bist du mein Verderben

9)

Etwas weniger Wirklichkeit
Etwas mehr Regung, hier
Das ständige Ausweichen
Hat uns krumm gemacht, Schätzchen
Ein wenig Lust mehr
Ein paar Tränen weniger
Etwas mehr Kapitulation,
Etwas weniger Bemühen
Lass steigen aufrecht in die Hölle
Die Stufen

10)

Ja, Ich will
Ja, Ich will

11)

Hier singen Gott-Gläubiger, Betende
Der beseelte Prediger, euer Mahnender
Strahlend lacht der Clown, aller Drohender
Kehrt zurück zum Heiland, ihr Hoffenden

12)

Willst du mit mir in die Schlacht ziehen?
In dieser Nacht
Willst du mit mir dich innigst amüsieren?
In dieser Stadt
Glitter, Glitzer, Flitter, Booster, Toaster
So schön bist du Crystal Meth

13)

Ich war ein Stein und du aus Plastik
Lagen im Garten ohne Hektik
Ich war grau, du bunt quietschig
Wurden heiß und auch mal frostig
Ich bin ein Stein und werde verstauben                     
Dich hingegen wird’s ewig geben
Ganz ohne Leben

Epilog:

Etwas mit Spaß
Oder was ist sonst Las Vegas
Eine Stadt
Verrucht, verteufelt, geliebt, belebt
Und mehr noch
Schauplatz
Projektionsfläche, Träume
Der unbegrenzten Möglichkeiten
Des Protzes, der Macht, des Größenwahns
Eine Flucht
In die exzessiv zerstörerische Schönheit
Party, Spaß, Glitzer
Ein Oben
Größer, schneller, höher, besser und vor allem
Billiger
Ein Unten
Im Schatten dort weilen die Verlierer
Abfallprodukte
Ausgeschieden von der Vergnügungsmaschinerie
Gewaltbereit, kriminell, drogensüchtig
Die Ausgerutschten oder besser noch Ausgelutschten
Leben sie zu Hunderten in den Tunnels des Kanalsystems
Obdachlos
Omnipräsent in dem hektischen Glamour der Glitzerwelt
Ich sah ekstatischen Partyspaß
Ultimative Gigantomanie mit
Atemberaubendem Blick auf die nächtliche Stadt
Und auch Familien
Die zu Weihnachten ihren Kindern Schießübungen auf einer Shooting Farm schenkten
In Gegenden gewesen, die zu den gefährlichsten der USA zählen
Menschen gesehen, die alles verloren, in Las Vegas
Bizarre Eindrücke
Abstrakte Bilder eingefangen in Stimmungen der Faszination
Und doch blieb am Ende
Ein Gefühl der Leere

 

Ein Dichter-Gedicht

Der Sex hat der Liebe zu dienen

Der Sex hat der Liebe zu dienen!

 

Die Signale pulsieren, die Ganglien sind kurz vorm Verglühen, der Prozessor überhitzt, das Schaltzentrum droht die Kontrolle zu verlieren. Gleich, gleich wird die Macht ausgeschaltet und ich werde über die Mauer springen, um einen Blick hinüber zu werfen. Möglicherweise erleben wir die unendliche Sekunde, in der das Wasser die Zeit nicht hat, um aus dem umgekippten Glas hinauszuströmen, wir allerdings genügend Zeit haben, um in aller Muße die Gärten der Ewigkeit zu durchstreifen. Und wer weiß, vielleicht gelingt es mir sogar, dir einen Apfel zu pflücken.

Nein, wir haben nicht geflirtet. Wer tut das noch heute? Wer gibt sich mit „Ausgang ungewiss“ zufrieden? Warum soll man sich dem ausufernden Gespinst des Zufalls ausliefern? Niemand ist allein. Es gibt viele Möglichkeiten, unendlich viele sogar. Man wird die Passenden suchen und finden, die Gleichgesinnten werden zueinander stoßen, um einander mit besonderen Auftritten, Kunststücken und Kostümierungen zu bereichern. So gebären Möglichkeiten Ideen. Und die Möglichkeit wird zur berechenbaren Wahrscheinlichkeit. Ist nicht jede Idee wahrscheinlich, wenn doch alles berechenbar ist? Ich mache jedenfalls mit und schlucke eine Kobra, nur um sie wieder lebendig auszuspeien.

Die Zunge lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich. Sie hilft mir unterzutauchen, ganz tief unter meine Haut zu rutschen und zu dem Punkt zu gleiten, von dem die Signale ausgehen. Meine ganze Wahrnehmung ist darauf konzentriert, ich folge den Wellen, die ich in unterschiedlichen Arealen empfange und modelliere. Der Körper aus Fleisch und Blut hat sich aufgelöst; geblieben ist ein Zentrum, aus dem die Signalbahnen laufen. Es ist wie eine dieser Landschaftsnach-bildungen, die in manchen Heimatmuseen zu sehen sind und auf denen einzelne kleine Glühbirnen Orte darstellen. Und drückt man auf den entsprechenden Knopf, brennt irgendwo auf der Nachbildung eine kleine farbige Glühbirne und man weiß nun genau, wo sich dieser befindet. Ich bin deine Bergkette, mit Höhen und Tiefen.

Der Rauch der Zigarette schlängelt sich über unseren Köpfen und verdünnt sich gräulich in die Dunkelheit. Gott schuf also den Menschen nach seinem Ebenbild? Nur hat er mir die Unsterblichkeit vorenthalten. In mir ist der Tod gesät und wächst mit jedem Tag. Ich bin in Zeiten gesplittert. Es gibt mich jetzt, gab mich vorhin, es gab mich gestern, vorgestern, letzte Woche, letztes Jahr und viele Jahre davor. Und morgen gibt es mich, möglicherweise noch, mit abnehmender Wahrscheinlichkeit in ferner Zukunft, denn Cookies haben eine begrenzte Lebensdauer. Bin ich nur die Summe meiner Zeiten? Wo bleiben all die unausgesprochenen Wünsche, Ängste, Ahnungen, Trauer und Freude? Und wo das Verborgene, das selbst ich noch nicht kenne? Vielleicht schwimme ich nur, weil ich die Berge nicht habe?

Auf dem kleinen Balkon haben wir der kranken Taube einen Verschlag gebaut. Einer Taube! Wer rettet heute noch das Leben einer gewöhnlichen Ringeltaube, dieser Ratte der Lüfte? Bugs pflegt man nicht, man beseitigt sie! Es gab viel Kopfschütteln. Wir brachten sie trotzdem bei uns unter. Auf dem Balkon unserer Einzimmerwohnung in diesem kastenförmigen Hochhaus aus Beton. Unser Essen teilten wir mit ihr und betteten sie in einem alten Wollpullover. Sechs Tage lang waren wir glücklich. Sie gurrte uns etwas vor, das wir nicht verstanden haben, trotzdem waren wir verzückt. Nur den Apfel hätte sie vielleicht nicht bekommen sollen.

Wir küssen, zärtlich, nicht forsch, im Einklang miteinander. In all meinen Vorstellungen hätte ich mir das nicht ausmalen können. Überhaupt kann ich mir das Küssen nicht vorstellen; ich könnte es auch nie beschreiben. Den Akt hingegen schon. Er ist zielgerichtet, hat eine Agenda, schlägt mit harten Beats um sich, wackelt, schaukelt, donnert, immer und immer wieder. Er ist die stupide Wiederholung der Wiederholung und doch nie langweilig. Dagegen sind Küsse flüchtig, sie entstehen ganz von allein und in dem Moment, jeder Kuss ist anders, unbeschreiblich, unvorhersehbar. Der Kuss ist eine spontane Handlung, eine Performancekunst. Den Akt kann man lernen, das Küssen nicht. Der Kuss kann allerdings unangenehm sein, wenn eine fremde Zunge wie ein Dolch im Mundraum herumstochert, oder ein Mund verschlossen bleibt, Lippen wie kleine Saugnäpfe das Gesicht befeuchten und das Verlangen löschen. Er kann sogar regelrecht öde sein. Wenn er aber gelingt, so wie jetzt bei uns, dann herrscht ein verträglicher Gleichklang im Mund, eine Art Tanz, in dem Lutschen, Lecken und Saugen ineinander übergehen. Der Kuss steht für sich und braucht kein Weiter, kein Mehr. Er verspricht nichts, ist sich selbst genug und wächst doch über sich selbst hinaus, füllt und leert sich, schließt und öffnet sich. Auf und zu. An und aus.

-Vertont für die Ausstellung “Die Stadt als Datenfeld” in Graz

Die Schweinemilch

Auf den Spuren von Meister

Der Gott vom Handwerkerstrich

Y und S streiten sich
In der oberen Etage
Der Altbauwohnung
Am großen Tisch
Auch G mit zitterndem Adamsapfel
An der Wand Torten und Säulen
Dazu ein Schrank
Der eine Vitrine ist
Altmodisch
Mit Glastüren rechts und links
Eiche dunkel
(Der ewig Deutscher)
Darin eine rotierende Vorrichtung
Ein kleiner Paternoster

Der Mann
(Hat vorhin die Vitrine zusammengebaut)
Ein Rumäne
(Dreckige Klamotten)
Lächelt mich an
Auf dem Boden
Dutzend tote Säuglinge
In Tüchern eingehüllt
Wir sehen sie
(Ich bin traurig)
Interpretiere den Kuchen vom Chart
Y betrunken
Legt sich auf den Konferenztisch
Der ist so hoch
Wir sitzen auf Barhockern

Ich bezahle den Mann
Er hat ein gebräuntes Gesicht
Von der Arbeit
Darin sein hellblaues Lachen
Mit Augen
Die nicht dazu passen
Er nimmt das Geld
Und bringt die Säuglinge zum Weinen
Y torkelt hin
Umarmt einen
Kreischenden Kokon
Auch in nehme einen
Und schaue das schreiende Kind

Wie unergründlich
Sind deine Gerichte
Und unausforschlich
Deine Wege
Ich danke dir
Gott vom Handwerkerstrich!

– Träume

Bild-Haft

„Die Sprache läuft immer mit!“ Eine Welt aus SPRACHE.
Gibt es für alles ein Wort? Ein W-ORT? (Ver-ORTEN!)
Wo?

Im LAND? (ein Land)
Im RAUM? (ein Raum)
In RÄUME? (Imaginär)
In T-RÄUME? (Träume)
Ein Faden aus Erinnerungen, aufgerollt als Knäul. Er löst sich, verbreitet sich, vergrößert sich, verschafft sich RAUM, wird T-RAUM.
EIN RADIO, EIN KRIMI, DAS SONNENLICHT durch die Fensterscheibe und Toto.
Was macht sie? Ist der Tag bei ihr ebenfalls hängen geblieben?
KLEBEN, es kleben die Räume, verwachsen ins LEBEN.
STILLE
RADIO
STAUBKÖRNER
Toto stickt ihre Aussteuer. Im Radio ein Mord. Stich für Stich führt sie den Faden ins Kreuz. Sie hat den Moment in den Batist gestickt, für immer, mit rosa Stichen, hängen wir an ihrer inzwischen vergilbter AUS-Steuer. (Weg! Raus! Durch das Fenster! Es ist doch nur das Erdgeschoss.) Sie horcht. Jemand rennt die Treppe hoch.
UND?
UND!
Und, und, und … Grün! Ich blicke ins Grün. Die Welt ist grün, hinter der Scheibe.
Wäre ich ein anderer Mensch geworden? Warum bin ich weggezogen? Ich bin weggezogen worden und klebe doch im RAUM, bin vor ORT. Toto hat dort alles ins Weiße gesticht (gestochen!). Hat man den Mörder erwischt? Danach lief Musik, der Krimi war ein Mehr-Teiler, kein Lang-Weiler, ein Kurz-Bleiber, Dauer-Brenner. Toto ließ alles andere dafür liegen, nur stach sie und zog am Faden.
Rosen. Stich um Stich, rosa Rosen, die ganze Reihe entlang. Alles für die Hochzeitsnacht. Und ich? Ich will da nur raus. (Die Stille hat alles eingefädelt, ist an allem schuld.)

Toto und ihr Radio. Es hatte Zauberkräfte. Erst dudelte es, (dudel, dudel) und oft ein Rauschen. Toto saß dicht daran, genau daneben, das Stickzeug in ihrem Schoß. In ihrem Schoß stickt sie alles fest. Und das Ohr dicht ans gesprochene Wort, das ihr Räume schafft, über ihrem Kopf tanzt der Staub im Licht.
L E E R E
S T I C H E
L E E R S T I C H ES T I C H E   I N S  L E E R E 

W

K R E U Z  

I

S

E

Toto war keine 18. Wie alt ist Toto? Ob Toto daran denkt? Ob Toto weiß, wer der Mörder war? Ich habe sie nie gefragt. Was hatte ich mit Toto gesprochen? Hatte ihr Vater noch gelebt? Ist das Radio noch da?
S T A U B K Ö R N E R
Ich hatte sie zum ersten Mal über Totos Kopf tanzen sehen. GEISTER, DIE TOTO RIEF? Sie tanzten über ihr im Licht. Schamlos! Toto, du hättest uns diese Horrorgeschichten nicht erzählen sollen. Du hast sie um dich herum gehabt.
DURCH NICHTS GE-WÜHLT ZEIT ORDNUNG PASST FALSCH
(Versuche es richtig einzugliedern!) 
(Nein!)
D I E  L U F T  I S T  N I E  R E I N !
Ich sah die UN-REINHEIT. Niemand ist davon befreit. Auch Toto nicht. Ich sah ihre ………………….. <= da kann so alles hinein. Lassen wir das LOCH da.
L O C H I S T L E E R 
Toto sticht Löcher in die Blumen. Ich weiß nicht mehr, ob sie sie gefüllt hat. Ich weiß so vieles nicht. So viel NICHT-WISSEN. Warum frage ich Toto nicht? Ob sie das noch weiß? Ob sie mir sagen kann, OB sie die Löcher gefüllt hat, oder ……………………?
Toto hat viel gelacht. Ich kann mich nicht erinnern, mitgelacht zu haben. Bei ihr bin ich mir ziemlich sicher. Totos Schneidezähne waren kürzer als die Eckzähne und ich habe sie oft gesehen.
Ich war da. Im Haus, wie ein Dieb schlich ich mich ins Zimmer. Das Radio ist weg, Toto schon lange. Nur das Fenster war da und das Grün dahinter.