Pupuze Berber

In stimmungsvollen Zügen

In stimmungsvollen Zügen

Ich saß im ICE auf der Rückfahrt von Berlin nach Frankfurt. Hinter mir lagen zwei Tage Lesung auf einer Flusskreuzfahrt. Wir waren über Flüsse und Kanäle gefahren, deren Namen mir entfielen, noch bevor wir das Schleusenbecken passiert hatten. Das Wetter war kalt, die Landschaft trostlos, der Februar hatte ihr die Farben ausgeblichen. Kahle Äste ritzten sich in den grauen Himmel, dürre Grashalme klebten an dem gefrorenen Boden. Der Reif hatte sie unter sich erstickt. Kein Leben weit und breit, keine Straßen, keine Menschen, keine Zivilisation. Und wenngleich der Begriff Kreuzfahrt ein Abenteuer auf Wasser suggeriert – dem war nicht so. Die einzigen Wellen erzeugte der Schiffsmotor selbst und dass wir uns fortbewegten, merkte ich erst, wenn ich die trübe Welt an unserem Fenster vorbeischleichen sah. Drinnen, in diesem langgezogenen Kahn: ein senioriges Miteinander mit rüstigen, solventen Rentnern, denen das all-inclusive Angebot mit reichhaltiger Kost und hochprozentigen Getränken auf die Gesundheit schlug, so dass an jedem meiner zwei Aufenthaltstage ein Krankenwagen bestellt werden musste.

Ich verließ das Schiff in Potsdam, nahm die S-Bahn nach Berlin und stieg dort in den ICE nach Frankfurt ein. Was bot mir diese Zugfahrt für eine Schnelligkeit nach dem trägen Gondeln in künstlichen Kanälen ohne Strömung. Mir war das nur recht. Rasch fuhren wir durch den Osten hindurch. Ich saß am Fenster an einem Vierer-Tisch und hörte Kurzgeschichten von Poe.

In Erfurt stieg ein Ehepaar ein, mit zwei Koffern, die sie, weil sie zu groß für die Ablage über den Köpfen waren, in der Gepäcknische parkten.  Die Frau setzte sich neben mich, der Mann ihr gegenüber. Dann kam ein weiterer Mann und nahm Platz neben ihm am Fenster. Mein Tisch war nun voll besetzt. Wir grüßten uns alle höflich und während sich die Zugestiegenen von ihren Jacken, Schals und Mänteln befreiten und platzfertig machten, wurden auch die übrigen leeren Sitze besetzt. Zuvor hatte, zumindest unser Großraumwagen, wenig Fahrgäste gehabt. Nach dieser kurzen Unterbrechung ließ ich mein Hörspiel weiterlaufen.

Mein Gegenüber stopfte sich ebenfalls Kopfhörer rein und tauchte in sein Handydisplay ein. „Schaut bestimmt einen Film“, dachte ich. Sein Sitznachbar, der sich erst gerade hingesetzt hatte, stand wieder auf, holte aus der Kofferablage über unseren Köpfen seine Jacke, zog aus der Innentasche einen Stapel Papiere und einen E-Reader heraus. Er legte den Reader auf den Tisch, nahm die Papiere sorgfältig wieder auf, schob sie in einen braunen Umschlag, der bei den Papieren gewesen war und stopfte diesen dann in die Innentasche seiner Jacke, die er anschließend zusammengefaltet zurück im Fach verstaute. Danach setzte er sich zurück und begann sein E-Book zu lesen. Seine Frau behielt ihre große Handtasche auf ihrem Schoß, holte daraus eine Thermoskanne, zwei Henkelbecher aus Emaille, eine Butterbrotdose und stellte alles auf den Tisch. Dann füllte sie beide Tassen mit Kaffee, schob eine zu ihrem Mann hin.

„So, der Tisch ist nun gedeckt“, dachte ich. Dieses Ehepaar war furchtbar praktisch veranlagt. Ich hingegen verließ ohne Frühstück das Schiff, und hatte auch unterwegs nichts gekauft, so dass ich nicht mal Wasser bei mir hatte. Aber, beim ICE gab es einen Speisewagen; wenn ich Hunger hätte, würde ich dort alles finden.

Der Ehemann, der bedient wurde, nahm schweigend vom Kaffee einen Schluck, ohne seine Augen vom Reader zu heben, oder gar seine Frau zu danken. Sie hingegen schraubte den Deckel wieder auf die Kanne. Dann zog sie einen kleinen Stoffbeutel heraus, stellte die große Tasche oben in die Ablage, setzte sich wieder und holte aus dem Beutel ihr Strickzeug heraus. Sie legte die Strickanleitung auf den Tisch und beschwerte das Blatt mit ihrer Kaffeetasse. Es sollte ein Pullover werden, in drei verschiedenen Farben, schlammgrün, gelb und hellblau. Eine sehr merkwürdiger Farbauswahl, aber sie begann trotzdem das Gelb glattrechts zu stricken, wobei die Nadelköpfe dieses typische leise Klackern von sich gaben.

Ich selbst stricke ganz gerne, allerdings nur im Winter. Im Sommer schwitzen meine Hände und die Wolle quietscht metallisch an der Nadel, als würde ich jede Masche einzeln quälen. Ich überlegte also, ob ich meine Nachbarin nicht ansprechen sollte. Wir hätten übers Stricken ein angenehmes Gespräch entwickeln können, worauf ich mich sehr freute. Nur: wie anfangen?

Etwa: „Oh, wie schön. Was wird es denn?“ Ich sah ja die Strickanleitung und wusste es ohnehin. Und schön? Da müsste ich wirklich lügen.

Oder: „Für wen stricken Sie den Pullover?“ Reichlich plump. Es ist ein Damenpullover, und wenn sie antwortete „für mich, meine Tochter, meine Mutter, meine Schwiegermutter, meine Freundin, meiner Nichte…“ hätte ich lediglich mit einem „Aha“ reagieren können. Und somit wäre das Gespräch zu Ende, bevor es angefangen hatte. Nach langem hin und her beschloss ich, sie nicht anzusprechen. Heute war ich nicht kreativ, mein Kopf noch voll von der Flussreise, obwohl da nichts Besonderes vorgefallen war.

Siecher kam ihr meine Resignation entgegen. Weil, obwohl ich gefühlt eine halbe Ewigkeit auf ihre klimpernden Nadeln schaute – sie musste das gemerkt haben, so nah wie ihr ihr gekommen war – drehte sie nie den Kopf mit einem Lächeln zu mir. Da wäre mir bestimmt spontan etwas eingefallen. Ich gab auf und schaute aus dem Fenster auf die vom Reif gezuckerten Felder. Der Mann mir gegenüber nahm seine Kopfhörer raus und legte sein Handy auf dem Tisch ab, mit dem Display nach unten, damit ich nicht sehen konnte, womit genau er sich beschäftigte. Wir blickten uns kurz an, um dann, fast einvernehmlich, nach draußen zu schauen, als wollten wir im Grau des Himmels und der Felder eine Ablenkung suchen.

In der Sitzreihe vor uns unterhielten sich zwei Frauen. Ihr Murmeln drang durch den „Schachtürken“ zu mir, ohne dass ich etwas verstanden hätte. Der „Schachtürke“ war ein Schachautomat, der in Wirklichkeit keiner war, und Poe hatte in dieser Kurzgeschichte den Schwindel aufgeklärt. Er zerlegte den Schwindel gründlich und Punkt für Punk.
„Dieser Automat konnte keineswegs eigenständig Schach spielen, sondern war nur ein Kasten mit Turban und dem Gewand eines Türken“, wie sich damals ein Europäer, genauer sein Erbauer Wolfgang von Kempelen, ihn eben vorstellte.

„In dieser Kiste saß ein kleiner Mann, der die Züge vollzog, wenn der Automat gegen Menschen spielte.“

„Es ist so, dass der Automat größer war als angenommen.“

„Der Automat gewann nicht jede Partie. Wenn er aber gefüttert wäre, mit allen möglichen Zügen, die sein Gegner machen könnte, müsste er dann nicht jedes Spiel gewinnen?“

„Er dreht die Augen, macht mit dem Gesicht Faxen, wenn er sich des Sieges sicher ist, und einen schwachen Gegner hat. Wenn er jedoch beim Zug nachdenken muss, so ist die Mimik des Türkens starr.“

„In den Salons, wo der Baron sein Apparat vorführte, wurde zuvor ein kleiner Mann gesichtet. Während der Show sah man ihn jedoch nicht.“

„Er wird bedient.“

„Von seiner Frau.“

„Er dürfte nichts trinken.“

„Seine Bewegung ist ruppig, er rollt mit den Augen.“

„Er hat ihr nichts mehr zu sagen. Sie ihm auch nicht.“

„Das geht vielen so. Die Luft ist raus.“

Die Stimmen der zwei Frauen drängten sich nun detulicher in mein Hörbuch hinein. Zugegeben, sie waren zwar viel leiser als Poes Auseinandersetzung, eher wie ein dumpfes Flüstern, doch konnte ich alles ganz genau verstehen, nur nicht zuordnen, woher sie kamen. Ich tippte auf Stopp, nahm die Kopfhörer aus den Ohren, um mich ganz den beiden zu widmen.

„Sie führt etwas im Schilde.“

„Ach, du bist immer so negativ.“

„Ich kann eben besser beobachten.“

„Was gibt es da zu beobachten. Das ist ein Paar, das die Schwiegermutter besucht.“

„Sie macht verdächtig viel für ihn, findest du das normal?“

„Viele Frauen sind so. Vermutlich hat sie keine Kinder.“

„Und sie selbst trinkt nichts, ist dir das nicht aufgefallen? Sie will ihn sicherlich vergiften.“

„Sie hat keinen Durst. Du trinkst doch auch nichts.“

Wo genau saßen sie? Die Stimmen kamen eindeutig aus den Reihen vor uns. Über wen sprachen die nur? Vielleicht über jemanden schräg neben ihnen?

„Übrigens, sie besuchen mit Sicherheit nicht die Schwiegermutter. Da lugten zwei Tickets aus seiner Tasche. Sie machen eine Kreuzfahrt in der Karibik.“

„Er und Kreuzfahrt? Der wandert viel lieber im Harz. Glaub mir, er ist schon ganz knochig. All sein Fett hat er Berg auf, Berg ab weggeschmolzen.“

„Und sie? Wollte sie wohl wandern? Ich vermute nicht. Sie ist eher so die Gemütliche.“

„Selbst schuld. Sie hätte ihn nicht heiraten sollen.“

„Sie war jung und von ihrem Professor wohl begeistert gewesen. Er ist sehr viel älter als sie. Ich vermute da so eine Verbindung.“

„Du meinst, sie wollte nur gute Noten und hat sich nicht getraut, es mit Lernen zu versuchen? Und was gibt es für Soziologie zu lernen?“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Na ja, wie ein Anwalt sieht er nicht aus, und sie schon gar nicht.“

„Wieso? Nur, weil sie unscheinbar und farblos ist und gern strickt?“

„Sie strickt eine Falle, wie eine Spinne. Sie will ihn loswerden. Hat bestimmt einen neuen.“

Über wen redeten sie? Schauten sie gemeinsam einen Film? Oder sprachen sie etwa über meine Sitznachbarn? Es stimmte schon, der Mann war viel älter als sie, und knochig, sie eher rundlich und sie strickte ja auch. Aber wie konnten diese beiden Frauen von ihren Plätzen aus meine Sitznachbarn beobachten? Gab es da womöglich ein anderes, ähnliches Pärchen? Ich konnte von meinem Sitz aus nicht viel sehen. Schräg vor mir, auf der anderen Seite saß ein Mann, und war neben ihm seine Frau?

„Sie will ihn umbringen.“

„Er hat seinen Becher ausgetrunken und lebt immer noch. Du und deine Hirngespinste.“

„Er wird sicherlich nicht hier tot umfallen, auch wenn er die ganze Kanne austrinkt.“

„Sondern?“

„Das weiß ich doch auch nicht. Auf jeden Fall wird der Mann seit langem schon mit geringen Dosen vergiftet.“

„Ja, ja, und weil ihm das Gift schmeckt, füllt er seinen Becher nach.“

„Ihre Tasse ist noch unberührt. Zufall?“

„Sie strickt, da hat sie die Hände voll.“

Was lästerten diese beiden denn so laut? Ich konnte sie nun viel deutlicher hören und bestimmt auch die anderen Fahrgäste. Ein wenig schämte ich mich für meine Neugierde, weil ich wie gebannt zuhörte, ohne etwas anderes zu machen. Das fällt auf, ich sollte wenigstens für etwas anderes Interesse zeigen. So nahm ich das Buch aus meiner Tasche und tat so, als würde ich darin lesen.

Und hörte nichts. Eine ganze Weile herrschte im Abteil Schweigen. Das Buch, in das ich nun hineinstarrte, langweilte mich, denn es war mein eigenes, aus der ich auf dem Schiff vorgelesen hatte. Vielleicht sollte ich mit Poes falschem Türken weitermachen? Ich zögerte.

Die Frau neben mir holte aus ihrem Beutel einen neuen Wollknäul heraus und fragte ihren Mann.

„Du hast die Tickets, oder? Ich hab sie nicht mehr in der Tasche.“

„Ja doch, sind in meiner Jackentasche, habe sie in den Umschlag gepackt. Ich passe auf, du kriegst schon deine Kreuzfahrt, keine Angst.“

Er lächelte sie über den E-Reader an. Auch ihr linker Mundwinkel zuckte Richtung Ohr, doch die Augen hielt sie auf die Strickvorlage gerichtet. Dann zählte sie die Reihen und strickte mit Schlammgrün weiter.

„Sie ist eine geduldige Mörderin, plant es schon eine Weile, aber er?“

„Wie, er?“

„Ja, er ist viel gerissener.“

„Was meinst du damit?“

„Na, schnell und effektiv. Er wird sie vom Schiff stoßen. Und anschließend an seiner Vergiftung sterben, in dem Glauben, er sei nur seekrank. Weil er sie unterschätzt und ihr nicht zutraut, planerisch vorzugehen oder überhaupt, ihn loswerden zu wollen. Er denkt mit Sicherheit, sie könne nicht ohne ihn leben.“

Jetzt reichte es mir. Wer waren diese beiden Lästermäuler? Bevor meine Nachbarin eine neue Reihe begann, nahm ich meine Tasche und bat um Durchgang in den Gang. Ich lief langsam die Reihen entlang Richtung Speisewagen, schaute mir die Fahrgäste rechts und links genauer an, doch vor uns saßen zwei junge Männer, und beide schliefen. Auch sonst sah ich niemanden, die den Stimmen entsprach.

Ich spürte langsam Hunger. Es war auch kurz vor 12 Uhr. Getrunken hatte ich auch nichts, außer einer Tasse Cappuccino, also lief ich zum Speisewagen und bestellte mir das Tagesmenü mit einem Glas Weißwein. Langsam füllten sich die Tische. Der Fisch war nicht schlecht und ich hatte eine angenehme Gesprächspartnerin, die mir viel von ihren Kindern, Enkeln und so allerlei erzählte, so dass ich gut unterhalten war, bis zum Schluss. Wir verabschiedeten uns hastig, denn wir waren schon über die Brücke gefahren, der Zug rollte Richtung Frankfurt Hauptbahnhof. Ich rannte zu meinem Platz, um mein Köfferchen von der Ablage zu holen. Die Plätze am Tisch waren alle leer, die Fahrgäste standen mitsamt ihrem Gepäck im Gang und warteten auf den Halt des Zuges. Und sobald das der Fall war, strömten wir alle hinaus.

Hier hätte die Geschichte zu Ende gehen können. Doch es kam anders. Denn etwa drei Wochen später saß ich wieder in einem Zug, dieses Mal mit meiner Familie Richtung Paris. Unsere lang ersehnte Urlaubsreise, die mein Mann und ich unserer Tochter zu Weihnachten geschenkt hatten. Nicht uneigennützig, gebe ich zu. Der TGV war pünktlich. Wir hatten unsere Plätze im oberen Deck an einem Tisch. Vater und Tochter saßen am Fenster, ich neben meiner Tochter in Fahrtrichtung. Auf den Platz mir gegenüber setzte sich ein Mann mittleren Alters mit Bauchansatz. Er grüßte mit einem Kopfnicken, stellte das bekannte dünne Blättchen mit den vier großen weißen Buchstaben und eine Tüte vom Bäcker auf den Tisch. Schnaubend setzte er sich hin und schlug die Zeitung auf, so dass diese frontal vor meine Nase war. Unwillkürlich fing auch ich an zu lesen.

„Kreuzfahrt des Grauens! Frau stürzt vom Schiff, Ehemann stirbt bei der Rückführung.“ Die kleinere Schrift konnte ich nicht mehr entziffern. Ich zückte mein Handy und googelte nach. In der Thüringer Allgemeine, Lokalteil Erfurt fand ich folgenden Artikel: „Traumurlaub für deutsches Ehepaar endet tödlich! Werner M. und seine Frau Martina hatten lange für eine Kreuzfahrt in der Karibik gespart. Und als es soweit war, kommt es zu einer Tragödie: Die Frau muss in der Nacht, kurz nach der Ankunft vom Schiff gefallen sein. Leider wurde ihr Verschwinden nicht sofort bemerkt, da ihr Ehemann an Seekrankheit litt und die Kajüte nicht verlassen konnte. Der Mann war körperlich dermaßen geschwächt, dass er seine Rückreise mit einem Krankentransport von Hamburg nach Erfurt nicht überlebt hat. Ärzte vermuten einen Herzinfarkt. Die Familie und die Freunde des Paares sind in tiefer Trauer. Sie können es nicht verstehen, dass nun beide auf so tragische Weise gestorben sind. Auf diese Reise hätten sich die Eheleute sehr gefreut.“