Pupuze Berber

Äpfelchen

Äpfelchen

„Äpfelchen, oh Äpfelchen.“

Selbst auch, wo das Haupt vom marmornen Nacken gerissen, schon im rollenden Strudel hinab…

Ja, aber wie fing alles an, der Mord und das Leben?

Ich fange am besten mit dem Leben an. Es war Anfang der 1990er Jahre. Ich war jung und trat meinen ersten Job in einer Werbeagentur in Frankfurt an. Eine wahrlich rauschende Zeit mit vielen Überstunden, einem cholerischen Chef, aber auch VIP-Einladungen zu Events und Partys und der Beginn meiner Menschwerdung, meines freien Lebens, mit eigener Wohnung.

Ich verliebte mich. Es war unerwartet für alle, vor allem für meine aus Ost-Anatolien stammende Familie. Eine Frau, auch noch Deutsche, das war zu viel für sie. Ich wollte sie unbedingt, setzte mich durch. Wir waren unzertrennlich, Anja und Ayna. Sie zog zu mir, wir kauften gemeinsam eine schicke Wohnung im Neubaugebiet am Stadtrand, holten zwei Katzen, wurden häuslich, heirateten sogar. Alles hätte so bis in die Ewigkeit weiterlaufen können, doch das Schicksal wollte es anders. Ich traf Äpfelchen.

Äpfelchen hatte eine schlanke Figur und die Verwegenheit im Blick. Sie wollte mich, ich wollte sie, das soll hier reichen. Ich werde den Teufel tun und ihren Namen verraten, denn sie ist eine berühmte Autorin, die wunderbare Sätze schreibt. Wir gingen gemeinsam essen, ich hörte ihr zu, wartete geduldig, wenn sie über Wörter nachdachte, an ihren Sätzen feilte und sich schalt, schlecht zu sein, ihrer aktuellen Arbeit „Meergewalten“ nicht gerecht zu werden. Eine Perfektionistin wie ich, dachte ich und liebte sie umso mehr.

Und Anja? Sie bekam mit, wie ich mich veränderte, aber sie interessierte sich nicht wirklich, was ich in den Abenden oder Nächten so machte, keine Spur von Eifersucht. Inzwischen hatte ich eine steile Karriere gemacht und verdiente doppelt so viel. Anja hingegen war in ihrem ersten Job hängen geblieben und zeigte keinerlei Ambitionen. Stattdessen ging sie jeden Mittag in die Kantine und steigerte ihre Kleidergröße von 36 auf 46. Leider klebten an ihren Hüften nicht nur Schokopralinen und Eierlikör, sondern auch meine schönsten Jahre. Die Vergangenheit wollte ich im Guten bewahren und mein Vermögen nicht mit ihr teilen. Vergeude ich hier etwa meine kostbaren Sekunden mit Rechtfertigung? Anja musste sterben. Tatsächlich war es beim ersten Mal ein Unfall.

Ich hatte uns einen Surfkurs in Hossegor gebucht. Anja freute sich wie Bolle, und schon am ersten Tag war sie überschwänglich und paddelte weit hinaus, auf die Welle wartend. Der Kurslehrer schrie ihr nach, doch sie winkte ab, und ich beruhigte ihn, dass sie keine blutige Anfängerin sei, so ließ er nach. Sie stand dann auf und surfte bis zum Strand, was mir nie gelang. Ich beobachtete sie neidvoll, auch wenn sie in ihrem Neoprenanzug unförmig, wie eine Robbe aussah. Dann schwamm sie noch weiter hinaus und war plötzlich verschwunden. Der Kursleiter nahm sich eine Rettungsboje, tauche in die Wellen hinein und brachte sie bewusstlos zurück. Sie blutete stark, „die Welle muss sie gegen die Klippen geschmissen haben“, meinte er. Wir fuhren ins Krankenhaus. Und dort hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, Anja hätte einfach sterben können. Ich hätte sie ordentlich beweint und begraben und wäre mit Äpfelchen zusammengezogen. So fiel der Gedanke von Anjas Tod auf fruchtbaren Boden und ich fing an, einen tödlichen Unfall zu planen, den perfekten Mord.

Anja hatte zwar den Surfunfall überlebt, aber mit bleibenden Schäden. Ihre rechte Schulter war zerschmettert und auch an der Hand hatte sie sich mehrere Brüche zugezogen, teilweise waren dort Sehnen unheilbar gerissen, so dass sie ihre Hand nicht mehr richtig benutzen konnte. Mehrere Operationen waren notwendig, mit langen Reha-Aufenthalten. Sie musste erst zu Kräften kommen, bevor wir ihre tödliche Reise antreten konnten.

Nach einem Jahr war es so weit. Ich buchte uns eine Woche auf Lanzarote. Wir hatten eine kleine Ferienwohnung direkt an der Westküste, besuchten das Haus von Manrique, gingen in die Grotte und buchten eine geführte Vulkanwanderung. Ich machte dabei Fotos und erzählte Anja alles, was ich zuvor über die Insel gelesen hatte. Als wir dann auf einer hohen Geröllspitze waren, trat ich auf meine Schnürsenkel, so dass sich die Schleife löste. Ich bückte mich, Anja wartete, die Gruppe trottete weiter den Weg hinab. Um Zeit zu schinden und unseren Abstand zu den anderen zu vergrößern, täuschte ich Durst vor. Rechts vom Weg sah ich zwei grüne Grashalme, die so ganz verloren zu sein schienen, umgeben von der schwarzen, kalten Lava.

„Schau mal mein Schatz, ist das nicht hübsch.“ Und Anja, die der Natur sonst gar nicht zugetan war, allerdings sich bis dahin sehr gelangweilt haben musste, eilte sofort zu dem Geröll-Brocken hin, obwohl uns geraten worden war, den Pfad nicht zu verlassen. Ich zog den Schuh aus, tat so, als wäre ein Steinchen hineingeraten, während Anja ihr Handy recht umständlich aus der Tasche zog. Und da fiel ihr das Ding runter und blieb zwischen zwei Steinen liegen.

„Pass auf“, schrie ich, denn der Wind kam von hinten und würde meine Worte zu unserer vorangegangenen Reisetruppe tragen. Ich sprang zu ihr und stieß sie mit der Schulter den Hang hinunter. Um sicher zu gehen, lockerte ich mit dem Fuß einen dicken Brocken, so dass eine Lawine aus Steinen hinter ihr rollte und sie dort unter sich begrub, wo sie schreiend gelandet war. „Anja!“ rief ich aus ganzer Kraft, traute mich jedoch nicht von der Stelle, bis unser Guide bei mir war und Hilfe orderte. Sie gruben den Körper vorsichtig unter der schwarzen Masse aus. Ich weinte leise. Zwei ältere Damen hielten meine Hand, bis ein Retter rief: „Esta viva!“ Da brach ich zusammen.

Anja wurde schwerverletzt ins Krankenhaus geliefert, während ich den Beamten den Unfallvorgang erzählte. Später gab sie sich selbst die Schuld, unvorsichtig gewesen zu sein. Ihr linkes Bein war mehrfach gebrochen und sie war lange krankgeschrieben. Dann wurde mit beidseitigem Einverständnis ihr Arbeitsvertrag aufgelöst. Sie bekam eine ordentliche Summe als Abfindung. Ein Grund mehr für mich, schnell an meinem Plan weiter zu feilen, denn ich war ihre einzige Erbin. Und Äpfelchen ließ mir keine Wahl mit ihrem literarischen SMSen: „Ein Wollen erhebt sich gegen das Schiff, wilde Wellen lecken am Bug.“ Ich musste handeln, und so päppelte ich Anja wieder auf, um mit ihr unsere nächste Reise anzutreten. Wir fuhren in die wunderschöne Toskana.

Zuvor hatte ich über Facebook die Bekanntschaft eines Schweizers gemacht, der in der Nähe von San Gimignano ein Weingut bewirtschaftete. Dort, Mitten in den sanften Hügeln, bezogen wir unsere kleine Ferienwohnung. Toni, unser Gastgeber, mit dem ich seit vielen Nächten unserer Chat- Unterhaltung gut befreundet war, bestand darauf, unsere Mahlzeiten gemeinsam einzunehmen. So kochten wir in seiner geräumigen Steinküche unser Abendessen und tranken seinen Wein. Anja musste wegen ihrer Schmerzen diverse Tabletten einnehmen, doch ich wusste zu gut, wie sehr sie sich über einen schönen Tropfen freute. Das allein hätte sie jedoch nicht umgebracht, ich musste etwas nachhelfen.

Toni hatte eine Vorliebe für Absinth und in seinem Heimatdorf in der Schweiz selbst welchen gebrannt, natürlich schwarz, damit hatte er im Chat geprahlt. Und so lag es nicht fern, dass er welchen auch hier in der Toskana haben würde. Um aber ganz sicher zu gehen, hatte ich ihn darum gebeten. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen. Dieser Unfall musste unbedingt tödlich enden.

Toni war ein Pegeltrinker. Um sein Level einzuhalten, süßte er morgens seinen Espresso mit Vin Santo. Und nachdem er seinem Winzer Guiseppe die Anweisungen des Tages laut verkündet hatte, kam er in Hemdsärmeln in die Küche, um für den Mittag eine Flasche Chianti zu öffnen. Es gab dazu das salzlose Brot, Trüffelwurst und Oliven, und bis Nachmittag zu den kleinen Dolci waren schon mindestens drei Flaschen getrunken, wobei ich mich zurückhielt. Ich stahl mich hinaus, machte Einkäufe in der kleinen Stadt mit ihren hohen Türmen, die mich vom Weiten an unsere Stadt erinnerten und las Äpfelchens verzweifelnde Nachrichten auf dem Handy. „Das Schiff schwankt mit jeder Welle, am Saum das schäumende Weiß, eine höhere Harmonie sich beugend, bleibt alles an Deck, Planke bei Planke, die Bolzen sitzen, noch.“ Halte durch, Äpfelchen, heute Abend bin ich eine trauernde Witwe und eile zu dir.

Toni und Anja lallten schon, als ich mit den Besorgungen zurückkam. Es gab Ragout, dazu tischte unser Gastgeber schweren Rotwein auf. Ich hielt mich wieder zurück, während Anja kräftig zulangte. „Die Gaumenfreude ist mein einziger Trost,“, sagte sie, woraufhin eine neue Flasche entkorkt wurde.

Eine laue Nacht brach ein. Wir saßen draußen unter den hellen Sternen, „die einzig reinen, dass diese schmutzige Erde hoch oben zum Strahlen brachte“, antwortete mir Äpfelchen weiter, ohne dass ich je den tieferen Sinn ihrer Sätze verstanden hätte. Die Zikaden sägten ununterbrochen an meinen Nerven, die zum Zerreißen gespannt waren. „Hast du den Absinth?“, fragte ich Toni. Anja freute sich wie eine Fünfjährige bei der Bescherung, als er mit der Flasche kam, ohne Etikett, dafür mit einem trüb-grünlichen Inhalt.

„Ihr müsst damit vorsichtig sein, nicht zu viel.“ Toni füllte uns zwei Gläser. Ich hatte allerdings die Flasche schon früher entdeckt und heimlich in Anjas Ragoutteller ordentlich etwas reingekippt, worauf sie das Essen bitter fand. „Nebenwirkungen der Tabletten, nichts schmeckt, wie es sollte“, meinte sie und aß weiter. Anschließend trank sie ihr Glas und fiel ins Koma. Ich brachte sie ins Bett, und überredete Toni zu einem nächtlichen Spaziergang. Niemand sonst war auf dem Hof. Guiseppe musste zu einem Familienfest und würde vermutlich irgendwo die Nacht seinen Rausch ausschlafen.

Toni erzählte unterwegs viel, gestikulierte stark, dass das Licht seiner Handytaschenlampe in der Dunkelheit auf und ab hüpfte. Mir war das nur zu recht, unsere kleine Runde dauerte fast zwei Stunden. Als wir uns dem Hof näherten, sahen wir die Lichter ohne Sirenen. Ein Krankenwagen parkte im Hof. Wir eilten hin und bevor ich von dem ganzen Wirrwarr etwas verstehen konnte, sah ich Guiseppe laut rufend zu uns laufen: „è viva!“.

„Wie konnte das passieren?“, schrie ich entsetzt.

Sie hatte tatsächlich auch diesen tödlichen Unfall überlebt, allerdings hatten Alkohol und Absinth ihre Sehnerven angegriffen, so dass sie 80% ihre Sehstärke verlor. Nun war sie von mir abhängig. Ich musste sie überall begleiten, zu ihren Ärzten und Therapeuten, und auch zu Hause kam sie nicht klar, stolperte und holte sich blaue Flecken. So polsterte ich die Ecken am Tisch, hängte Türen aus, klebte Leuchtstreifen auf den Boden wie in Flugzeugen, nur dass unsere permanent leuchteten, damit sie sich zurechtfand. Ich konnte sie nicht lange allein lassen, kündigte meinen Job und fing an unsere Ersparnisse aufzubrauchen. Allein Äpfelchen blieb mein Fixstern: „Eine Kuh im Moor nimmt ihm all sein Böses und ein Schaf macht es gar zärtlich.“ Das war doch kein Leben.

Bevor ich unsere nächste Reise plante, ereilte mich eine unerwartete Erbschaft aus der Türkei. Eine kinderlose bereits verstorbene Tante hatte von ihrem Mann ein Stück Land in Istanbul geerbt, auf das die Stadtverwaltung eine Autobahn bauen wollte. Es war ein Zwangsverkauf und ich besorgte uns sofort zwei Flugtickets. „Wenn eine Tür zufällt“, dachte ich und hatte wieder gute Laune.

Unser Hotel lag in der Altstadt, direkt am Hippodrom und dem Obelisken. Das Notarielle war schnell erledigt, so dass uns noch genügend Zeit blieb, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt anzuschauen. Anja hatte zwar nicht viel davon, aber die Abwechslung tat ihr gut. Es war Spätsommer, ein warmer Wind wehte uns um die Ohren. Wir aßen in einem Restaurant, wo hauptsächlich Einheimische speisten. Und wir waren im Urlaub, natürlich erlaubte ich Anja ein paar Gläser Wein, denn zu Hause hielt ich sie streng abstinent. So begann sie zu trinken, leckte sich nach jedem Schluck die Lippen. „Garson, bringen Sie ihr ruhig noch ein Glas Öküzgözü.“

Anschließend schlenderten wir in die Cisterna Basilica, einen wunderschönen Bau mit antiken Säulen, im Wasser schwammen weiße Fische. „Siehst du sie, da, sie leuchten fast.“ Anja wollte sie auch sehen, ging näher an den Rand des Gehweges, blieb stehen und blickte angestrengt hinunter. Als niemand in der Nähe war, gab ich ihr einen kräftigen Hieb mit dem Ellenbogen und schrie: „Passen Sie doch auf!“ Sie fiel auf das Medusenhaupt, ich stieg ins flache Wasser, um nach ihr zu sehen. „Tot“, dachte ich und rief um Hilfe. Augenblicklich kamen Aufseher, bestellten einen Krankenwagen und wieder wollten zwei fremde Frauen mich beruhigen. Denn ich war hysterisch, erzählte von dem Rempler, der sich zwischen uns hindurch schob und Anja auf die Medusa schubste, schrie nach Polizei, man müsse ihn fassen, diesen Mörder, was war das für ein Land, ohne Recht und Gesetz. Ich war am Ziel und es tat mir gut, mich von dem angestauten Frust zu befreien. Bis mich eine hübsche Sanitäterin umarmte und rief: „Yasiyor!“

Anja hatte wieder überlebt, doch würde sie nie mehr laufen können. Sie saß im Rollstuhl. Es war grausam. Ich war gefangen in der Reichweite ihres Rollstuhls, und die Sehnsucht nach Äpfelchen schmerzte wie Rasierklingen im Bauch. Äpfelchen ging es nicht besser, sie schlug mit Versen um sich. „Das Schiff ächzt, sein Bug schält sich in die Luft, in die Leere donnernd dreht sich die Schiffsschraube gegen ihren Willen in die Unendlichkeit.“

„Ich ertrage es nicht mehr“, schrie ich stumm verzweifelnd. Das musste endgültig ein Ende haben. Und dieses Mal plante ich es nicht als Unfall. Denn Unfälle endeten nicht zwangsläufig mit dem Tod, wie bereits erlebt. Ich müsste einen Mord planen, der unbedingt tödlich endete. Ein Mord, der als Unfall galt, ein Mord, maßgeschneidert auf die Bedürfnisse und Gebrechen von Anja.

Ausgerechnet Äpfelchen brachte mich darauf: Die „Drei-Wort-Navigation“. „Wie können drei völlig wahllos ausgewählte Wörter eine 2qm-Fläche wiedergeben? Das ist die endgültige Entleerung des Wortsinns. Was haben Leiter.Spielzeug.Reste miteinander zu tun? Und warum sollten sie die 2qm wiedergeben, wo ich wohne?“ Ich wusste wieder mal nicht, wovon sie redete, also googlete ich und fand: Äpfelchen hatte nicht zu Ende gedacht. Diese Methode umfasste nicht nur Plätze und Straßen, sondern die ganze Erdkugel, also auch Flächen im Wald, sogar im Wasser. „Ach ja“, dachte ich und machte mich an die ultimative Mord-Methode.

Ich kaufte Anja einen autonom fahrenden elektrischen Rollstuhl, den sie per Sprache über eine App steuerte, und zwar mit der „Drei-Wort-Navigation“. Sie nannte ihm drei Wörter, die einen 2qm-Ort beschrieben, und das Gerät brachte Anja selbstfahrend hin. Sie hatte anfänglich protestiert, aber ich konnte sie überzeugen. „Unsere Ersparnisse sind fast alle, ich muss bald wieder arbeiten.“ Und steigerte mich: Sie müsse lernen, selbständig zu sein. „Was, wenn mir etwas passiert. Hast du daran mal gedacht?“ Das half in der Tat und wir übten zu Hause, wo alles problemlos funktionierte. „Schatz, du muss das auch in einer fremden Umgebung meistern.“ 

Also fuhren wir nach Annecy, in das urige Städtchen in den französischen Alpen direkt am See und übten dort weiter: Entgangen.rudel.eisern, schmal.rechtsanwalt.zivil, dorn.kanne.vorort, truhe.magd.hilfe. Bravo, das klappte doch ganz gut, auf den High-Tech-Stuhl war Verlass, dieses Mal war mein Plan totsicher. Sie übte jeden Tag, zu unterschiedlichen Tageszeiten, und die Nacht sollte den Abschluss krönen am rätsel.reiter.salbeitee. Diese 2qm befanden sich mitten im See, im Lac D’Annecy, in der Nähe des Hafens. Ich eilte vorher hin und versteckte mich hinter einem Busch. Der Stuhl würde Anja ohne Umwege in den See fahren. Und bei Nacht und in der Nebensaison würde ihr niemand helfen. Nach einer Weile kam zielsicher und leise summend der Rollstuhl am Weg entlang und fiel tatsächlich ungebremst mit der ahnungslosen Anja in das Hafenbecken. Sie war im Stuhl mit einem Sicherheitsgurt befestigt. Es gab kein Entrinnen.

„Äpfelchen“, freute ich mich, „Ich wurde gerade Zeugin eines grausamen Todes.“ Aber, was zum Teufel, machten die beiden da? Zwei junge Männer entblößten ihren Oberkörper und sprangen hinein. Nein, nein, nein, das durfte nicht sein, ich musste sie aufhalten, sie durften Anja nicht aus ihrem Stuhl befreien. Hastig sprang ich ebenfalls ins Wasser. „Hilfe“, schrie ich, sie sollten mich finden und retten, anstatt Anja. Ich tauchte unter, sah allerdings nichts, weder die Männer noch Anja, doch hörte ich dumpf ein Motorengeräusch. War das ein Schiff? Eine Fähre?  Wo kam sie her? Woran hatte ich nicht gedacht? Was hatte ich nun wieder falsch gemacht?

Meine Lungen taten mir weh, ich brauchte Luft und stieß mich kräftig vom Boden ab, um schnell nach oben zu kommen und endlich aufzuatmen. Doch ich kam nicht dazu. Mit einem glatten Schnitt trennte die Schiffsschraube meinen Kopf vom Körper, und ich hörte noch, wie ein Mann rief: „Elle est en vie!“

Kein Atmen mehr, kein Herzschlag, ich war tot. Aber meine Vorstellungskraft war noch da, gefangen in der Ewigkeit der Sekunden, in denen mein Haupt zum Boden sank und nach ihr rief. „Äpfelchen, oh Äpfelchen.“