Pupuze Berber

Sinop und das berühmte Gefängnis

Tarihi Sinop Kapali Cezaevi, das Gefängnis, das Zeitweise auch als Alcatraz der Türkei genannt wurde, ist
1999 geschlossen und zu einem Museum umgewandelt worden. Die Burg, in die das Gefängnis gebaut ist, wurde vor ca. 4000 Jahre vermutlich von Kaschkäer erbaut.(Infos zu Kaschkäer) Alle nachfolgenden Reiche haben ihn erhalten und weiter ausgebaut. 

 

Die Stadt besteht aus der Altstadt und der Neustadt, wobei wir erst durch die Vororte der Neustadt fuhren, bis zum nördlichsten Punkt, dort, wo sich die Landschaft wie eine Sanduhr in der Mitte verjüngt, um später wieder breiter zu werden. Die Altstadt befindet sich genau an dieser schmalen Stelle, auf der östlichen Seite, direkt am Meer. Die berühmteste Sehenswürdigkeit ist ein Gefängnis, das mindestens seit 1568 Zuchthaus benutzt wurde (die älteste Benennung durch Nutzung als Gefängnis ist 1568 datiert. Viele berühmte politische Andersdenkende und immer wieder Schriftsteller wurden dort inhaftiert. Sabahattin Ali ist einer von Ihnen, von dem wir an den Wänden vor seiner Zelle wunderbare Gedichte lesen konnten, die sich auch in vielen Liedern wiederfinden. Dazu aber gleich mehr.

Wir fragten einen Mann, der an der Tankstelle arbeitete, nach dem Weg, um herauszufinden, ob wir mit den Kindern zu Fuß hingehen konnten. Er war genervt und zeigte uns seinen Unmut, was man von den Türken an sich nicht kennt. Nur seine Abneigung fiel nicht auf uns oder auf unsere Frage; sie galt rein dem Gefängnis, wo er vier Jahre bis zu seinem 18. Lebensjahr verbracht habe, wie er uns dann erzählte. „Was wollt ihr da? Geht ans Meer, genießt die Natur.“ Dann schaute er auf seine Füße und wir schwiegen betroffen. Doch dann hob er den Kopf, lächelte und beschrieb den Weg: „Die Straße entlang, dann kommt ihr genau am Eingangstor. Ist nicht weit.“ Das Land ist noch voll von Menschen, die hier gesessen haben. 

Das Gefängnis besteht aus mehreren Gebäuden, die, wie der Turm, in die Stadtmauer integriert sind. Im ersten, von der Straße aus, waren Kinder und Jugendliche untergebracht. Danach läuft man durch eine schmale Gasse zu den eigentlichen Gefängnis-Gebäuden. Vor dem Tor dahin sahen wir den kleinen Laden, worin der typische Glasperlenschmuck der Insassen verkauft wird. Der Verkäufer empfing uns
freundlich und bat, die Ware nicht durcheinander zu bringen, weil sich dort Nummern befinden, von Häftlingen, die sie gemacht hatten. Der Erlös gehe direkt an sie. Er sei Beamter und beziehe sein Gehalt vom Staat. Und da standen wir inmitten glitzernder Glasperlen-Figuren. Hier eine Schildkröte, da Delphine, Micky Maus, Fußballwappen, Handtäschchen und Armbänder. Wir kauften reichlich ein, Mitbringsel für Familie und Freunde.  An der Kasse hat er die Nummer in einer dicken Kladde aufgeschrieben. Hinter jeder Nummer ein Mensch, der irgendwo in einem Gefängnis sitzt und aus Glasperlen Figuren herstellt, um sich die Zeit zu vertreiben und etwas Geld zu verdienen. Weswegen sie sitzen steht da nicht drin. Vielleicht sind Mörder darunter, Betrüger, Diebe aber auch politisch motivierte Gefangene? Aber hier in diesem Laden wird nach Gefallen oder Nichtgefallen der Arbeiten beurteilt. Mit schwer beladenen Tüten und Eindrücken verlassen wir den Laden.

Der schmale Gang brachte uns durch die Verwaltung hindurch zu einem schönen Garten, wo ein alter Maulbeerbaum stand, der, wie alles an diesem traurigen Ort, seine eigene Geschichte hatte. Dazu erzähle ich gleich mehr. Wir besichtigten die alten Gemäuer, worin die Gefangenen in großen Einheiten gelebt hatten, in den „Koğuş“. Das waren große Zimmer mit Etagenbetten, teilweise dreistöckig mit gemeinsamer Kochecke und Toilette. Hier bildeten sich Freundschaften wie Feindschaften; es gab eine Hackordnung, die ich aus Filmen oder in Büchern kannte.
Wir gingen Haus für Haus durch, besuchten die schmalen Einzelhaftzellen mit der schweren Eisentür zum Korridor. Gegenüber der Tür war ein Plumpsklo eingelassen, ähnlich wie das aus meiner Kindheit im alten Haus im Dorf: ein aus grauem Stein ausgehauenes Loch, mit zwei Fußstellen, worin grobe Ritzen gekerbt waren. An der schmalen Wand war ein Waschbecken, ebenfalls aus Stein; ihm gegenüber eine Metallpritsche. Der Boden schwarz und modrig. Wenn die Tür zu war, kam kein Sonnenlicht herein. Fenster gab es nur im Korridor. Von der Decke hing eine nackte Glühbirne herunter.

Die Gemeinschaftsräume dagegen waren im Verhältnis wohnlicher. In einem dieser Häuser waren die Gedichte aufgehängt. Die Zelle des berühmten Dichters Sabahattin Ali, mit seinen persönlichen, spärlichen Möbeln ausgestattet. Es kam uns Musik entgegen, eine Vertonung seines Gedichtes. Ali war sehr lange eine persona non grata in der Türkei. Er wurde inhaftiert, weil er den Staatsgründer Atatürk angeblich beleidigt hatte. Später wurde er auf der Flucht ermordet. Bis heute weiß man nichts Näheres über seinen Tod und auch nicht, wo er begraben liegt. Aber die ehemalige Zelle ist hübsch aufgebaut. Im Flur davor hängt sein Portrait, mit Lebenslauf und Gedichten. Darunter auch eins, das er hier in diese Gefängnis geschrieben hatte. Aldirma gönül: „Dışarda deli dalgalar. Gelirduvarları yalar“, (Draußen verrückte Wellen, kommen, um an den Mauern zu lecken)

Das berühmte Gedicht Sabahattin Alis “Aldirma Gönül”, das er im Gefängnis in Sinop geschireben hat. Gesungen von Edip Akbayram.

Im Hof bei den Gemeinschaftsräumen stand oben erwähnter Maulbeerbaum, dessen Früchte mit jedem Windzug herunter regneten. Seine Geschichte stand auf einer Tafel wie folgt geschrieben: Ein Gefangener bat um Erlaubnis, einen Maulbeerbaum im Hof des Gefängnisses pflanzen zu dürfen, als Trost für all diejenigen, die hier sitzen und die um ihr Leben bangen mussten, denn damals gab es noch die Todesstrafe. Sie sollten sich sagen: „der Mann, der diesen Baum gepflanzt hat, ist nicht erhängt worden. Er ist hier lebendig rausgekommen. Das werde ich auch.“ Tatsächlich ist der Baum genehmigt und sein Ideengeber nicht erhängt worden. Und so spendete er uns unter der heißen Mittagssonne Schatten, denn die Kinder wollten nicht jede Zelle besichtigen. Sie langweilten sich. Sie wollten lieber die frisch heruntergefallenen Maulbeeren aufsammeln und essen. 

Abends suchten wir ein sehr gemütliches Restaurant, wo die typischen „Sinop Mantı“ frisch gemacht und serviert wurde. „Mantı“ ist eine Art Ravioli, die hier mit Walnüssen serviert wird.

Zum Abschluss ein Gedicht Alis, gesungen von der türkishen minik Serce (kleiner Spatz) Sezen Aksu