Pupuze Berber

Eine Kinheit im Pontus (Teil2: Hizir)

Der Regen hatte inzwischen aufgehört. Ich beschloss, eine etwas längere Route zu gehen, anstatt die übliche Runde. Also nahm ich den Weg geradeaus, hinunter zur Autobahnbrücke und dann an den Schrebergärten entlang, die teilweise so urig waren, dass ich völlig vergessen konnte, in Frankfurt zu leben. Auf einem Grundstück sah ich sogar ein Pferd, das gemütlich alles fraß, was es dort finden konnte. Auch die Kohlpflanzen mussten daran glauben, die sich gegen den harten Winter gestemmt hatten, nur um dann im Frühjahr von einem Pferd verspeist zu werden. Ich fragte mich, ob sich die Besitzer der Kleingartenanlage wegen des Kohls nun ärgern würden, oder ob sie das Pferd absichtlich in diese Parzelle gelassen hatten. Dem Pferd war das sicherlich egal. Von den Blättern des übrigen Kohls prallten dicke, schwere Tropfen auf die ohnehin schon nasse Erde herunter.

Die einzige Möglichkeit, der Kindheit zu entkommen, war erwachsen werden, dachte ich. Und oft fragte ich mich, wie ich das alles überstanden hatte. Offenbar war ich wie dieses Kohlblatt, und der Niederschlag prallte an mir ab. Egal wie stark er war, konnte er mich doch nicht durchdringen. So begriff ich viele Ereignisse damals nicht, nur die Spuren sind übriggeblieben, die nun dieses merkwürdige Gefühl entstehen lassen, wenn ich darüber nachdenke, wie damals mein Leben und vor allem das Verhältnis zu Erwachsenen war. Sie lebten fern, außerhalb meiner Reichweite, was die Verständigung betraf. So dürfte sich ein Mensch fühlen, wenn er auf einen anderen Planeten geschossen wird und er dort nur noch Fragen hat.

Mutter gab mir stets eine Antwort. Auch wenn sie, wie ich feststellen musste, nicht korrekt waren und mich in vieler Hinsicht zu seltsamen Irrungen und dummen Wirrungen verleitet haben, so stand bei ihr nie eine meiner Fragen unbeantwortet im Raum, ganz im Gegensatz zu meiner Großmutter.

„Geh und spiel mit deinen Altersgenossen, von solchen Sachen verstehst du nichts“, versuchte sie mich wegzujagen. Und irgendwann hörte ich auf, sie zu fragen. Aber es interessierte mich brennend, warum sie mir nicht antwortete? Verheimlichte sie etwas? Hatte sie etwa ein großes Geheimnis? Hatte sie Angst, sich zu verplappern, wenn sie ausgefragt wurde? Dabei kannte Großmutter wirklich die tollsten Geschichten. Später begegneten mir diese in Deutschland als Märchen der Brüder Grimm in einer anderen Form, aber inhaltlich waren sie gleich. Frau Holle hatte nicht Schnee gemacht, sondern war eine alte alleinlebende Frau, die Hilfe brauchte. Und Aschenputtel hieß Ahmet. Das war überhaupt meine Lieblingsgeschichte und ich konnte nie genug davon bekommen, wenn Großmutter vom Aschenahmet erzählte. Zugegeben, hier war das Märchen etwas anders als die Version der Brüder Grimm, aber mir gefällt es nach wie vor besser.

Ahmet hatte seinen Spitznamen erhalten, weil er zwar klug, aber auch sehr faul war und den ganzen Tag nichts tat als seine nackten Füße in warme Asche zu stecken. Aber am Ende siegte die Klugheit und nicht der Fleiß, was ich bevorzuge.  Er wollte nach den gescheiterten Versuchen seiner zwei fleißigen jüngeren Brüder das Tier fangen, das nachts die Ernte vom Feld fraß. Sein Vater hatte ihn ausgelacht, so faul wie er war, doch die Mutter argumentierte: der Mais wird so oder so gefressen, so lass ihn doch, wenn er unbedingt will. Aschenahmet machte sich am Feldrand ein Feuer, wartete, bis alles zu Asche verbrannt war, steckte seine Füße hinein und spähte in die Nacht. Bis ein Esel kam und den Mais zu fressen begann. Da sprang er aus der Asche, setzte sich dem Esel auf den Rücken, hielt ihn an den Ohren fest, so dass er nicht runterfallen konnte, egal wie stark der auch ausschlug. Am Ende begann das Tier zu sprechen und versprach Aschenahmet die Erfüllung von drei Wünschen gegen seine Freilassung. Und Aschenahmet hatte bei jeder Erzählung meiner Großmutter andere Wünsche. Mal hat er die Tochter vom reichen Aga geheiratet, mal zog er um die Welt, wurde also ein Reisender und erlebte in jeder Stadt ein anderes Abenteuer. Ich liebte Aschenahmet als Wanderer in der Welt besonders, denn da begegnete er Drachen und anderen Ungeheuern.

Großmutter war also nicht schweigsam, ganz im Gegenteil, nur hatte sie was gegen Fragen, stellte ich fest. Überhaupt, die alten Frauen stellten nie Fragen, sie erzählten sich einfach alles von der Seele, wo sie sich auch trafen. Wenn ich mit ihr hinter den Kühen her schlenderte und sie unterwegs andere traf, so fragte nie eine von denen: „Großmutter, warum kochst du immer so viel Kohlsuppe?“ wie ich. Denn das war so, und wir mussten sehr lange davon essen. Stattdessen erzählte sie einfach:

„Koch mehr als genug zu essen, denn wer weiß, welcher Hungrige unerwartet an deine Tür klopft? Möge Allah unseren Kessel nie leer werden und niemanden an Hunger leiden lassen. So war gestern tatsächlich einer da. Ich gab ihm, was ich hatte, Maisbrot und Kohlsuppe.“

Wenn die Suppe frisch gekocht war, behielt der Schwarzkohl darin seine Struktur und war sichtbar mit grob zerrupften Blättern und Strunk, wie auch die getrockneten Bohnen und die Maiskörner. Ein paar Tage später, als der Kessel etwa zur Hälfte leer wurde, stampfte Großmutter den Kohl und alles andere darin zu Brei. Den allerletzten Rest, so gegen Ende der Woche, setzte sie mit Maisbrot an, so dass wir die gleiche Suppe in drei verschiedenen Versionen essen konnten, bis sie den Kessel in der Feuerstelle neu aufsetzte.

„Der Kessel darf nie leer sein, was wäre, wenn einer kommt, und du hast nichts zu essen?“, pflichtete ihr Feriaba bei, die als einzige im Dorf einen goldenen Zahn hatte.

„Gott behüte, was wenn es der Hizir ist?“ entgegnete die schielende Nafiyeba.

Später habe ich erfahren, dass Hizir ein heiliger Prophet ist, der vom Kraut der Unsterblichkeit gegessen hatte und deshalb ewig leben würde. Er war stets unterwegs, meist in Lumpen gekleidet, um Gläubige zu prüfen. Wenn er zu essen und trinken bekam, gab er dem Haus seinen Segen. Und niemand wollte wegen einer Kelle Kohlsuppe auf Hizirs Segen verzichten. So ließ ihn Großmutter draußen im Hof Platz nehmen und tischte ihm die letzte Metamorphose unseres Schwarzkohls auf.

„Was soll ich euch sagen, ein gewöhnlicher alter Mann mit schlechten Augen, dachte ich. Er kniff sie so eng zusammen, dass sie aussahen wie eine verschnürte Sacköffnung. Er löffelte seinen Teller und segnete Haus und Hof, wie es sich gehört. Ich dachte, jetzt sollte er gehen, ich muss noch mit den Kühen raus, doch er blieb sitzen und fummelte am Revers seines Kaftans, der fast nur noch aus Flicken bestand. Er nahm von dort eine grobe Nähnadel heraus und hielt sie in die Höhe seiner Augen. Bestimmt will er etwas an seiner Bekleidung reparieren, dachte ich und fragte ihn, ob er Garn und alte Fetzen zum Stopfen bräuchte.

‚Nein, Schwester‘ antwortete er, ‚ich versuche die Welt durch dieses Nadelöhr zu schieben.’ Oh, Allmächtiger, der Erschaffer von Erde und Himmel, er hat mir den Hizir geschickt, das ist er leibhaftig, durchfuhr es mich wie ein Blitz. Ich räumte schnell Teller und Löffel weg und brachte ihm ein großes Glas gezuckerten Tee. Zugegeben, der war von heute Morgen, nicht ganz frisch, aber er hat sich gefreut. Und da wusste ich, er hat noch eine belehrende Prüfung, die er mir mitgeben will. Ich nahm also einen Schemel und setzte mich rechts neben ihn, so dass ich die Nadel sehen konnte, die er immer noch in der rechten Hand hielt, die zusammengekniffenen Augen darauf gerichtet.

‚Ich gehe schon sehr lange mit dieser Nadel durch Dörfer und Städte, erzähle mein Anliegen. Und sehe in die erstaunten, missbilligenden, spöttischen Augen, wenn ich nach dem Freitagsgebet mich für eine Weile in die Sonne hocke und die Nadel aus meinem Revers ziehe, so wie jetzt.  Die Gläubigen, die aus dem Gotteshaus kommen, einer nach dem anderen, erklären mich für verrückt und meinen, das sei doch ganz und gar unmöglich, da passe nicht mal ein ordentlicher Wollfaden durch, wie denn eine ganze Welt? Na, da hast du dir was vorgenommen, Onkelchen, sagte einer, nimm doch lieber deinen Gebetskranz in die Hand und bete, sieh doch, du bist alt, möge Gott dir zwar ein langes Leben schenken, doch am Ende wird jedes Lebewesen den Tod schmecken und da wartet unsere aller Abrechnung im Jenseits, je nachdem, wie wir uns diesseits so benommen haben, also warum in deinem Alter sich noch mit dieser Welt beschäftigen?

Da antworte ich ihm: mein Sohn, du hast recht, es schickt sich wahrlich nicht in meinem Alter mich mit solcher Narrheit zu beschäftigen. Möge Allah der Allmächtige, der Erbauer von Himmel und Hölle dir die Antwort geben, was er mir so beharrlich verschweigt. Er lächelt milde, gibt mir ein paar Münzen in meine linke Hand und geht seiner Beschäftigung nach. Ich verlasse daraufhin die Stadt.‘

Da schwieg der Mann, steckte seine Nadel zurück an den Kaftan und trank den Tee aus. Er lobte ausschweifend den Geschmack, segnete den Hof mit allem, was dazu gehört erneut und griff zu seinem langen Wanderstab, um aufzustehen. Ich aber hielt es nicht mehr lange aus und fragte ihn, was mit diesem Mann geschehen ist.

‚Mir ist zu Ohren gekommen, dass er ein Wanderer wie ich geworden ist, um die Antwort auf meine Frage zu verbreiten. Leider bin ich ihm nie wieder begegnet.‘ Er stand auf. Ich ebenfalls, um ihn zu verabschieden. Da legte er seine Hand auf meinem Arm und sagte: ‚Du aber bist eine Frau, und kennst die Antwort. Du hast schließlich zehn Welten da durchbekommen.‘ Und mir kamen die Tränen.

Langsam machte er sich auf, um den Hof zu überqueren. Ich hatte vergessen ihm noch ein Bündel mit Maisbrot mitzugeben, so ging ich schnell ins Haus, holte es und lief ihm hinterher, aber er war verschwunden. Weder im Hof noch den Weg hinunter oder hinauf sah ich ihn.“

Die Kühe hatten sich inzwischen merklich von uns entfernt. Großmutter stand auf und wir verließen die Runde ohne Abschied. Das war also das Geheimnis. Sie hatte zehn Mal die Welt durch das Nadelöhr durchbekommen, wozu nicht einmal ein heiliger Prophet in der Lage war. Und alle diese Geschichten kamen aus diesen Welten. So hatte ich gelernt, Großmutter nie zu fragen, sondern immer zu warten, bis sie anfing von sich aus zu erzählen.

Eine Kindheit im Pontus (Teil 3: Fifirik)

Die wilden Schrebergärten hatte ich inzwischen hinter mir gelassen und lief unter den Brückenpfeilern entlang, wo der Boden trocken war. Links neben mir floss der Urselbach, vom Regen aufgewühlt schäumend. An seinen flachen Ufern wuchs Gras und Gestrüpp, alles in einem frischen Grün, das das Auge erfreute. Etwas weiter oben lag der Fußballplatz und ich hörte dort das fröhliche Geschrei der Kinder, die dort trainierten. „Bei dem Wetter“, dachte ich, verwarf aber sogleich diesen Gedanken wieder. Ich sollte nicht alles so dramatisieren, war selbst schließlich auch unterwegs.

„Von der Nähe betrachtet ist das Leben eine Tragödie und je weiter wir uns davon entfernen, formt es sich zu einer Komödie“, hatte ich kürzlich irgendwo gelesen. Was sind wir für traurige Geschöpfe, der Natur und unseren Mitmenschen ausgesetzt. So sind wir stets bemüht in irgendwelchen gegebenen Verhältnissen mehr oder weniger zu überleben. Und je weiter wir den Blick vom einzelnen wegziehen und auf die gesamte Menschheit lenken, wirkt dieser millionenfache Überlebenskampf irgendwie lächerlich. Am besten wäre es, es gäbe uns gar nicht.

Und mit der Zeit ist es genauso. Je gegenwärtiger, desto schlimmer, je vergangener desto lustiger. Heute lache ich über das Erlebte in meiner Kindheit. Die Ernsthaftigkeit ist mit den Jahren verloren gegangen. Oder hatte ich dem Erwachsensein diesen Ernst angedichtet, den es so nie gab? Auf jeden Fall war ich damals von den Erwachsenen fasziniert. Sie waren groß, vernünftig, eloquent und frei, konnten tun und lassen, was sie wollten. Niemand schickte eine Frau weg, wenn sie sich einen Schemel nahm und sich zu einer Unterhaltung dazu setzte. Aber, sobald sie mich entdeckten, wie ich ihnen lauschte, wurden sie stumm und ich musste gehen und mit den Kindern spielen.

„Und nimm deinen Bruder mit.“

„Na gut.“

Dann trottete ich, mit meinem dreijährigen Bruder an der Hand, den kleinen Weg entlang vom Hof auf die Straße, auf der allerdings höchstens zweimal am Tag ein Auto fuhr, nämlich das von Onkel Recep, wenn er morgens sehr früh zur Arbeit eilte, und wenn er abends sehr spät nach Hause kam. Sie war aus Lehm und beim Regen bildeten sich in den breiten Reifenspuren des kleinen LKWs riesige Pfützen. Außer mir liebten alle Kinder Matsch, stocherten mit Stöcken darin herum, hüpften hinein, bewarfen sich damit, als wäre es Schnee. Ich hielt mich von ihnen weit entfernt, um vom Dreck nichts abzubekommen, und schaute zu, wie von meinem kleinen Bruder irgendwann nur noch die Augen zu sehen waren. Der Rest war von einer braunen Brühe überzogen, wie bei den anderen drei. Nur ich war sauber geblieben, in meinem weißen Kleidchen, das ich sehr liebte, das mit den weißen Rüschen am Rock. Wenn ich lief, bauschte er sich wie Pasmanika hoch, das sah aus wie Popcorn.

Und dann kam Tante Feria, die wir Kinder wegen ihres goldenen Zahns Cicianne nannten. Sie war anders als die anderen Frauen im Dorf, und ich mochte sie sehr, weil sie mich oft vor Rabauken beschützte, aber noch öffters vor Mutter. Denn Mutter konnte aufbrausend sein, wenn ich log und ich konnte schon damals gute Geschichten erfinden. Doch an diesem Tag war Cicianne sauer auf mich, weil ihre zehn Jahre alte Tochter Serap sich im Matsch suhlte, während ich, fünf Jahre jünger, sauber und adrett dem Geschehen aus einer sicheren Entfernung zuschaute.

„Was stimmt mit ihr nicht, sie sollte genauso sein wie die anderen. Und dafür habe ich gerade gesorgt“, rief sie Mutter zu, die angelaufen kam, weil ich Rotz und Wasser weinte. Denn Cicianne hatte mich gepackt und in den Matsch geworfen. Mein schönes Popcornkleidchen triefte vor Dreck, was sollte sonst noch passieren?

Heulend lief ich ins Haus, um mich umzuziehen und da muss mich Opa Korot gehört haben, als er am Hof vorbei ging.

„Was ist? Hast du dir weh getan?“, fragte er mich.

Opa Korot war, wie alle im Dorf, über Ecken mit uns verwandt. Er hatte einen langen Bart und einen noch längeren alten Wollmantel mit vielen tiefen Taschen, in denen er alles Mögliche aufbewahrte und Kindern schenkte, was er unterwegs gefunden hatte. Meistens waren das Esskastanien. Ich mochte ihn sehr, fürchtete mich jedoch vor seinem Bart, so dass ich mich versteckte, wenn er zu uns kam. Das wusste er und es machte ihm nichts aus. Er ließ mir trotzdem immer etwas aus seinen Taschen da.

„Schau mal, was ich hier für dich habe. Ich lasse es dir draußen auf dem Fenstersims“, sagte er und ich konnte es kaum abwarten, dass er ging. Ich kroch unter dem Bett hervor und lief zum Fenster, das hochgeschoben war. Da lag ein kleines, teils bauchiges Ding aus Blech. Und weil ich es nicht erkannte, fragte ich Mutter.

„Fifirik“, antwortete sie. Später war mir klar, dass sie das Wort erfunden hatte, weil auch sie nicht wusste, dass es Trillerpfeife hieß. Zwei Jahre später, als unsere Lehrerin damit trillerte, und wir im Schulhof von einer Ecke zum anderen liefen, hatte ich ihr von meiner Fifirik erzählt und sie mich unmissverständlich korrigiert. Aber, weil niemand das Wort davor kannte, nannten wir Opa Korots Geschenk Fifirik und ich fing sofort an damit zu lärmen. „Ich will auch mal“ schrie mein Bruder. Wie ärgerlich! Ich musste alles mit ihm teilen. Sonst kam Mutter und ich musste mir anhören: „Du bist doch schon so groß, gib ihm das.“ Also pfiffen wir abwechselnd in meine Fifirik. Und Großmutter scheuchte uns erneut aus dem Haus.

Ich lief mit meinem Geschenk an der einen, meinem Bruder an der anderen Hand wieder auf die Straße. Die Kinder hatten nun genug im Matsch gespielt und sich inzwischen eine neue Gemeinheit ausgedacht, um alte Frauen zu erschrecken. Sie stülpten ihre Augenlieder von innen nach außen, in dem sie an den Wimpern zogen und von oben aufs Lied drückten, so dass die Innenseite des Liedes mit blutigen Äderchen sichtbar wurde.

Die ohnehin schon dreckigen Gesichter sahen nun auch noch schaurig aus. So lief die Horde zum nächstgelegenen Haus, um Zülfiyeba zu erschrecken, eine fast hundertjährige Frau. Sie fürchtete sich und schrie so laut, dass ihre Schwiegertochter Tante Mucefer herbeieilte. Und als die sah, wie wir uns über die klapprige Greisin kaputtlachten, nahm sie ein langes Holzscheit und jagte uns vom Hof. Die anderen Kinder waren viel schneller als ich, weil ich ja noch meinen kleinen Bruder an der Hand hatte, der auch noch stolperte, und mich dabei mitriss, so dass wir beide hinfielen und ich dabei meine Fifirik verlor. Tante Mucefer hatte sie gesehen. Sie hob sie auf und lief zurück zum Haus. Ich war traurig, wagte jedoch nicht, zu ihr zu gehen, denn ich fühlte mich schuldig, hatte ich doch mitgelacht.

Ein paar Tage später saßen mehrere alte Frauen auf kleinen Schemeln bei uns im Hof und unterhielten sich, darunter Cicianne und Tante Mucefer. Tante Rukiye, die berühmt dafür war, immer viel zu reden, schimpfte gerade wieder über ihren Mann und ließ niemanden zu Wort kommen, wenn auch einige es versuchten. Da zog Tante Mucefer, die neben Rukiye saß, meine Fifirik aus der Tasche ihrer Strickweste und blies kräftig hinein. Tante Rukiye machte einen Satz nach oben, packte ihren Kopf zwischen ihren beiden Händen und schrie, „Auwww“, so erschrocken war sie. Die Maiskolben, die sie unterwegs gepflückt hatte, fielen ihr aus dem Schoß, aber das kümmerte sie nicht. Ihren Kopf zwischen den Händen haltend verließ sie den Hof Richtung Straße.

„Wie kannst du die arme Frau so erschrecken. Sie hat schon wenig Verstand, willst du, dass sie ihn ganz verliert?“, schimpfte Großmutter mit Tante Mucefer.

„Wo hast du dieses Ding her? Was machst du für Sachen, Du bist doch kein Kind?“ machte Cicianne weiter, und ich erkannte meine Chance. So trat ich dem Schatten der Haustür hinaus, von wo ich sie belauscht hatte zu der Runde der empörten Frauen und schrie:

„Das ist meine Fifirik. Und sie hat sie mir gestohlen!“, und zeigte dabei mit meinem Zeigefinger auf Tante Mucefer.

„Das stimmt nicht, du hast sie fallen lassen, als du weggerannt bist und ich hab sie nur aufgehoben“, maulte sie mich an.

„Jetzt legst du dich auch noch mit einer Fünfjährigen an. Schäm dich!“ Cicianne stand auf, nahm ihr meine Fifirik aus der Hand und gab sie mir zurück.

Darüber lachten alle, außer Tante Mucefer, die mich nur traurig anschaute.

Da verstand ich sie nur zu gut. Denn ich hatte etwas, das sie nicht mehr hatte und unbedingt zurückhaben wollte. Ich ging zu ihr, legte ihr meine Fifirik in die Hand und sagte.

„Ok, du kannst heute noch mit ihr spielen, aber morgen hole ich sie mir. Einverstanden?“

Kapitel 5 aus einem Manuskript

Peruze widersprach aber ihr Vater war der Meinung, zum Haus des Onkels wären sie auf dem richtigen Weg. Dabei war es eine Ausfahrt später gewesen, die sie hätten nehmen sollen. Es war bereits Abend. Sie wollte endlich in einem richtigen Bett schlafen, auf einer geraden Unterlage, die Beine ausstrecken und sich lang machen. Sie waren schon seit zwei Tagen unterwegs, und ausgerechnet so kurz vor dem Ziel musste sich der Vater durchsetzen. Dabei hatte er keinen Orientierungssinn. Nur weil Anja am Steuer saß, wollte er recht haben, das Gesicht bewahren, das war die Hauptsache. Sogar ihre Mutter Saniye, die sich sonst über ihn lustig machte, wo sie nur konnte, er könne keine Straße wiederfinden, bevor er nicht mindestens zehn Mal dort gewesen war; sogar sie sagte jetzt, weil eben Anja dabei war, der Vater hätte Recht, diese wäre die Ausfahrt, die sie zu nehmen hätten.

Wenn sie unter sich gewesen wären, hätte die Mutter ihn getadelt: „Ismail, wir sind alle müde und kaputt. Tu was, Peruze sagt.“ Er würde dann sicher noch ein paar Sätze aus Protest wagen, doch letztendlich würden sie richtig fahren. Jetzt war eine andere Situation. Ihre Mutter sprach plötzlich Deutsch, „wir immer hier abbiegen“, vermutlich weil sie Peruze nicht traute, sie richtig übersetzt zu haben.

Sie hatten das Warnblinklicht angemacht und sich an die Straße gestellt, wo sie von Dolmuschs überholt wurden, in denen Menschen alle paar Meter ein und ausstiegen. Anja war sicherlich mit der Verkehrssituation überfordert, so dass Peruze auf eine tiefere Auseinandersetzung verzichtete und klein beigab. So bogen sie langsam in den Viertel hinein. Der Belag der E5, die Hauptverkehrsader des Landes, gab es hier nicht mehr. Dafür eine Lehmstraße, die Löcher hatte, umsäumt von zweistöckigen Häusern mit Gemüsegärten, die hinter hüfthohen Mauern und mit weißen Ornamenten vergitterten Eisentoren lagen. Kinderscharen rannten hinter dem Bulli und manche von ihnen machte obszöne Handgesten, die Anja zum Glück nicht als solches deuten konnte, weil sie hier anders definiert waren: den Daumen zwischen Zeiger und Mittelfinger schieben und dann eine Faust bilden.

„Wir sind hier falsch“, mahnte sie erneut. Anja fuhr langsamer. Peruze schaute sich die Häuser genauer an, aber es sah alles ganz anders aus, etwas ländlicher und ärmlicher als im Viertel des Onkels. Vor allem das Haus mit dem goldenen Anstrich war nicht da. „Hier müsste es doch stehen, genau an dieser Ecke, das gelbe große Haus des Dolmusch-Lizenzen-Vergabe-Typen, von dem Onkel Hayri erzählte. Daran sollten wir uns orientieren, aber hier steht kein Haus.“

Ihre Mutter Saniye streckte den Kopf nach vorne und schaute an die Ecke, wo dieses besagte pompöse Gebäude leider nicht zu sehen war.

„Sie hat recht, Ismail. Wir sind zu früh abgebogen. Direkt nach der E5, stand das Haus dieses Betrügers.“

Ihr Vater Ismail blickte suchend um sich.

„Sollten wir lieber jemanden fragen?“

„Wonach denn? Nach dem Haus des Angebers?“

Dann wandte sich Saniye zu Peruze. „Du kannst den Weg genau beschreiben? Dann führ Anja dahin.“

Ismail murmelte leise, er hätte schwören können, sicher zu sein. Dann: „wenn ich selbst fahre, ist es anders, da weiß ich den Weg, aber so daneben sitzen, da kann man schon mal durcheinanderkommen.“

Peruze atmete tief ein und erzählte Anja, die ratlos hin und herschaute, dass sie leider zurück auf die E5 müssten.

„Wir fahren erst noch Richtung Maltepe. Da nehmen wir die nächste Kreuzung zur Küste raus. Und da wird auch das gelbe Haus stehen.“

Peruze ärgerte sich für den Umweg, aber sie hatte jedenfalls bewiesen, dass sie recht hatte. Sie fühlte, dass die Familie ohne sie es schwer haben würde. Sogar Oma Aspetana war von Peruze überzeugt, auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren. Sie meinte, dass Peruze nur die Kleinigkeit eines Schwanzes fehlte, denn die Eier hätte sie, größer als bei einem Mann.

Und so war es auch. Peruze war sich in der Schule keiner Diskussion zu schade, und interessierte sich für vieles, nur nicht fürs Lesen. Sie teilte mit ihrer Schwester Medea ein Zimmer und sah diese jede freie Minute ihre Nase in Büchern stecken. Und manchmal wurde Peruze neugierig, was darin geschrieben stand. Dann schlug sie ein Buch auf, doch konnten die Wörter sie nicht fesseln. „Wie langweilig“, dachte sie, als sie las, wie über mehrere Seiten hinweg ein Sommertag beschrieben wurde, irgendwo in Amerika an einem Tag im August. Der Autor beschrieb so präzise, dass Peruze diese Langeweile dort spüren konnte, die Hitze und die Trägheit, die den Zustand des zum Tode gelangweilt sein in einen Jugendlichen auslösen konnte, dort im Buch beim Protagonisten, wie auch bei Peruze. Die Jugendlichen im Buch mussten flüchten aus diesem Ort, in eine aufregende Zukunft, und Peruze weg von diesem Buch. Und wenn sie darüber ein Gespräch mit Medea suchte, erzählte ihre Schwester stundenlang von den Figuren, und auch da langweilte sie sich. Sie beschloss darauf, so lange zu warten, bis der Film kommt. Sie las also überhaupt nicht gern, und quälte sich, wenn sie für die Schule einen längeren Text interpretieren sollte. Ihr fiel nichts ein und bat ihre ältere Schwester öfters um Hilfe.

Ihr Interesse galt Informationen. Wenn etwas Neues angeschafft werden sollte, tauschte sie sich ausgiebig mit dem Verkäufer aus, stellte so lange Fragen, bis die Mutter sie genervt wegzog und zum Gehen bewegte. Wenn Handwerker zu Hause waren, war sie schon als kleines Kind dabei und schaute zu, wie die Rohrzange sich aufdrehen ließ und sich um das Rohr biss und festgezogen wurde. Als das große Radio kaputt gegangen war und der Vater es reparieren wollte, war sie dabei gewesen. Und wie schön war das Innenleben. Es war aufgebaut wie eine kleine Stadt und sie schaute auf die kleinen Häuser und Straßen von oben. Dort waren eingezeichnete Wege, kleine und große Silos, winzige Ameisen, die alles miteinander verbanden.

Sie hatte da an Gott gedacht, für den sie kein Bild hatte und ihre gläubigen Eltern jegliche Beschreibung von Gott fürchteten, weil sie verboten war. Sie hatte die Schaltpläne betrachtet, diese kleinen Dinge im Bauch des Radios und fand Gott, zumindest eine Vorstellung von ihm, wie er das alles sehen mochte, von seiner Warte aus. Damals war sie jünger gewesen und hatte ihre Gottes-Entdeckung ihrem Vater erzählt, als hätte sie ein gut behütetes Geheimnis entdeckt. Ismail war ratlos. Erst hatte er sich gefreut, sie habe vielleicht den Fehler gefunden und so könnte das Gerät doch noch repariert werden. Doch als sie den Gott erwähnte, brachte er sie barsch zum Schweigen.

Es wäre Sünde sich Gott vorzustellen, und schon gar nicht so, als wäre er wie ein Mensch, der aus der Vogelperspektive auf die Erde schaute. Er wäre überall, in allen Perspektiven gleichzeitig und sei allmächtig. Er wäre in der Lage, die Fußtapfen einer Ameise zu hören, also würde er mit Leichtigkeit dieses Gespräch mitkriegen und den Beiden Sünde aufbrummen. Dann hatte er gelacht und geflüstert. „Mein Sündenbuch ist schon dick genug, daher muss ich besser aufpassen.“

Sie aber wollte darüber sprechen. Wenn er hörte, müsste er doch ebenfalls die Ameise sehen können. Oder sei er vielleicht wie eine Fledermaus? Da hatte der Vater sie gestoppt, denn das wäre ja eine noch größere Sünde, ihn mit einer Fledermaus zu vergleichen. Und er, Gott, würde ihn, Ismail, doppelt sie viel Sünde aufschreiben, weil er für seine Kinder bis zu Volljährigkeit verantwortlich wäre. So würde er all diese Sünden aufgeschrieben bekommen, weil er seine Tochter nicht fromm erzogen hätte.

Da hatte Peruze geschwiegen, denn sie wollte nicht, dass ihr Vater ihretwegen mehr Sündenpunkte bekam. Aber sie dachte daran, denn Gott konnte womöglich ihre Gedanken nicht lesen, denn sie erzeugten ja kein Geräusch. Und das hatte sie sich seit diesem Tag zur eigen gemacht. Sie betete laut, wenn sie einen göttlichen Beistand brauchte, doch negatives sprach sie nicht aus, nicht mal geflüstert. Sie dachte nur daran und schimpfte, wenn nötig, in Gedanken.

Eine Kindheit im Pontus (Teil 1: Der Regenwurm)

Es fällt mir schwer, nach so einer langen Zeit zu rekonstruieren, warum ich ausgerechnet an diesem Tag einen Witz brauchte, und wie ich auf die Idee kam, einen zu erfinden. Ich und ein Witz, das ist an sich schon witzig. Ich kann nicht mal welche erzählen. Möglicherweise ist dieses Achtsamkeitsbuch schuld. Achtsam sein. Nicht die Gedanken einfach so frei laufen lassen, wie meine Großmutter ihre Kühe aus dem Stall, sondern ihnen bewusst auflauern und nachspüren, wohin sie gehen. Das tat ich dann. Ich ließ meine Gedanken grasen in dem verregneten Grün, aber das machte den Kühen gar nichts aus. Sie waren verrückt, sprangen vor Freude in die Luft, muhten laut, verdrehten ihre Augen, warfen den Kopf hin und her, konnten sich nicht satt sehen und riechen, nach der feuchten Luft und den vielen Trieben, die kurz davor waren, hochzuschießen. Der Frühling war da! Was so ein Winter aus uns macht?

Dann sah ich die erste Verkaufsbude, die Läden zwar noch geschlossen, aber das würde sich bald ändern. Endlich. Der Spargel und die Erdbeeren. „Wo bleibt der Witz?“, schoss es mir durch den Kopf. Ich pfiff und zog meinen Gedanken zurück von der Bude und hin zu Herrn Becker. Es würde nicht so schwer sein, auf Herrn Beckers Kosten Witze zu machen, denn er hatte die Wahl verloren. Seine vielen Plakate lagen geknickt auf dem Boden. Vermutlich hatten sich Jugendliche einen Spaß erlaubt, neben dem Auftragen des kurzen Bärtchens auf Kandidatenoberlippen. Ich wollte mir den Spaziergang ein wenig spaßiger gestalten, wenn ich schon trotz Regenschirm nass wurde. Also machte ich ein paar Anläufe, um einen Witz zu kreieren.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Die Wahl hat nichts verloren.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Er hatte keine Wahl zu gewinnen.

Herr Becker hat die Wahl verloren. Die Wahl hat gewonnen.

Herr Becker hat die Wahl nicht vermehren können, weil er nicht wusste wie. Die Wahl ist gestorben.

Herr Becker hat die Wahl verloren und nicht wiedergefunden. Er könnte nicht mal einen Regenwurm finden.

Meine Witze waren zum Schreien schlecht.  Und der Regen war inzwischen so stark, dass ich Mühe hatte, voranzukommen, ohne auf die vielen Regenwürmer zu treten. Ich lief achtsamer. Es war interessant, zu beobachten, wie sie sich fortbewegten. Der vordere Teil raffte sich ineinander, woraus dann der Kopf nach vorne schoss und den hinteren Teil nach sich zog. Ich kniete nieder, holte mein Handy aus der Tasche und schoss mit Mühe ein Foto. Und dann machte ich noch ein Video, um genau diese Bewegung festzuhalten. Im Innern des Wurms sah ich weiße kleine Kügelchen, und ich könnte behaupten, er habe Styropor gefrühstückt, aber weder wusste ich, ob Regenwürmer frühstücken, noch wovon sie sich ernährten. Fraßen sie sich nicht durch die Erde hindurch, um sich fortzubewegen, und behielten das Nahrhafte nicht bei sich? Ich setzte meinen Weg fort.

Wie vermehrten sich Regenwürmer? Legten sie Eier? Hatten Sie ein Geschlecht? Ich stellte mir diese Fragen, und kannte die Antworten tatsächlich nicht. Was wusste ich über Regenwürmer? Nichts. Oder doch? Hatte ich nicht wegen Regenwürmern jahrelang Panik, beim Regen einzuschlafen?

„Das ist eine wahre Geschichte. Eine Frau hat sie mir im Krankenhaus unter Tränen erzählt“, hatte Mutter mit ihrer Erzählung begonnen. Ich war fünf Jahre alt.

„In einem Dorf…“, fuhr sie fort. Sie hatte nicht erwähnt, wie dieses Dorf hieß oder wo es war, es könnte auch unseres gewesen sein, denn damals hatte ich noch keine Vorstellung von der Größe der Welt. Ich kannte nur unser Dorf und die kleine Stadt, in der ich zweimal beim Arzt und einmal beim Fotografen gewesen war. Und weil mir diese Geschichte so eine entsetzliche Furcht eingejagt hatte, verortete ich den Vorfall sehr weit weg von uns. So waren ich und alle anderen Kinder geschützt, dachte ich.

„…lebte eine Stiefmutter. Sie hatte zwei Stiefkinder, die sie loswerden wollte, und zwar so unauffällig und natürlich wie möglich. Denn, die Kinder hatten einen Vater, Oma, Opa, Tanten, Onkeln, also ein Dorf, das sie beschützte. Die Frau sammelte Regenwürmer, wenn es regnete.“ Leider regnete es bei uns sehr oft.

„Nachts, wenn die Kinder schliefen, schlich sie sich zu ihren kleinen Köpfen und setzte die Regenwürmer in deren Nasenlöcher. Die Würmer fraßen sich durch den Rotz bis zum Gehirn durch. Und auch dort fraßen sie weiter und nisteten sich ein.“ Das Gehirn war ihre Erde geworden, nie regnete es, nie mussten sie raus, wie ich heute.

Wegen diesem Ereignis – denn bald wussten alle im Ort darüber Bescheid und erzählten es in diversen Varianten, fügten weitere grausame Details hinzu, machten aus zwei Kindern drei, vier, oder fünf, manch einem reichte das nicht aus, und auch die Großeltern der Kinder mussten daran glauben, bei manchen sogar das frisch gekalbte Rind inklusive aller eierlegenden Hühner und so weiter – hatte ich aus kindlicher Neugier einen Regenwurm zerteilt. Anstatt zu verbluten, wie mein Kälbchen beim Schlachten, bewegte sich jede der Hälften in unterschiedliche Richtungen.

Die Regenwürmer würden sich also im Kopf der Kinder in Ringe teilen wie Salamischeiben. Und aus jeder Scheibe würde ein eigenständiger Wurm heranwachsen und anfangen, sich im Gehirn durchzufressen. Und auch diese Würmer würden sich teilen und vermehren und…

„Sie fraßen, und fraßen, bis sie nichts mehr hatten. Als der Raum im Schädel leer war, waren die Würmer vor Hunger verzweifelt und fielen übereinander her. Und weil sie so viele geworden waren, krochen sie aus Nase, Ohren und Augen der Kinder wieder heraus. Die Unglücklichen waren da schon längst tot, Gott hatte ein Erbarmen. Die Verwandten beweinten sie und vermuteten, die unaussprechliche Krankheit habe sie in kurzer Zeit dahingerafft. Die kleinen Körper wurden unter Tränen gewaschen, in weiße Tücher gewickelt, und, geschnürt wie kleine Bonbons, der nassen Erde übergeben.“

Mutter hatte die Geschichte nicht so erzählt, ich übertreibe wieder, wie immer. Sie hatte in ihrer Version nichts ausgeschmückt, nichts erklärt, und hörte da auf, als die Stiefmutter den Kindern die Regenwürmer in die Nase legte und diese daraufhin starben. Sie wusste nicht mal, dass ich lauschte, während sie mit den anderen Frauen am Feuer saß und erzählte. Sie wusste nichts über den Kopierungsvorgang der Regenwürmer durch Sprengung der Körperringe, das hatte ich mir ausgedacht und mich dadurch schlimmsten Ängsten ausgesetzt. Ab da schlief ich bei Regen nicht ein. Denn, da kamen sie aus der Erde.

Und Mutter… ich nannte sie Mutter, aber…War sie meine Mutter? Da war ich mitten in der Nacht hochgeschnellt und saß nun kerzengerade im Bett. Meine Körperhaare hatten sich aufgestellt wie die Stacheln eines Igels, kalte Schauer rannen mir den Rücken hinunter wie Regenfäden am Fenster. Sie war definitiv nicht meine Mutter, und sie würde mich umbringen! Mit Regenwürmern!

Heute weiß ich, auch dank des Achtsamkeitszwangs, warum ich an Mutter gezweifelt hatte. Das Chaos meiner Kindheitstage konnte ich glücklicherweise entwirren, und die Ereignisse in chronologischer Reihenfolge hatten mir vieles erklärt. Denn die „Wahrheit“ hatte ich erfahren, als ich etwas jünger gewesen war, das lag ein halbes Jahr zurück, und daran hatte ich mich in dieser Nacht erinnert.

Wie alles andere, war auch das meiner Neugierde geschuldet. Meine Großmutter und ich waren mit den Kühen unterwegs gewesen, ließen sie grasen. Sie hatte ihr Strickzeug dabei, ließ die Wolle von einem Stoffbeutel über ihren Nacken zu ihrem linken Zeigefinger gleiten und strickte, hinter dem Vieh herschlendernd, Wollsocken für den Winter. Ich inspizierte rote Käfer, machte mit den Zähnen verschiedene Muster in große Bohnenblätter, suchte nach Heidelbeeren, bis ich die Unterhaltung von zwei Frauen hörte, die auf dem Weg zur Mühle waren.

Die jüngere sagte: „Sie kommt aus Aron, was willst du machen.“

Die ältere schnalzte drei Mal mit der Zunge, drehte dabei ihren Kopf von rechts nach links und antwortete: „Dabei sage ich immer; wenn dein Rock eine aus Aron berührt, zieh ihn aus und verbrenne ihn.“ Erst hatte mich diese Unterhaltung nicht weiter beschäftigt, meine Umgebung, Großmutter und die Kühe boten viel Abwechslung. Doch zu Hause, als wir bettfertig gemacht wurden, fragte ich Mutter, woher ich kam.

Vermutlich schickte es sich nicht, mir die Wahrheit zu sagen, nämlich dass ich die Frucht ihres Geschlechtsverkehrs mit meinem Vater sei. Stattdessen antwortete sie:

„Dich habe ich in Kestanlik gefunden.“ Ausgerechnet Kestanlik. Das ist noch heute ein dunkler steiler Abhang mit Esskastanien, daher kommt der Name, von der Kastanie. Natürlich wollte ich auch wissen, wo sie meinen jüngeren Bruder fand.

„In Düz“.

Das traf mich hart. Düz ist vielleicht der schönste und geradeste Platz auf unserem bergigen Dorf, wo wir Ball spielen konnten, ohne ständig den den Hang heruntergerollten Ball suchen gehen zu müssen, was sehr anstrengend war und wir mehr unterwegs waren als beim Spielen. Er ist aus Düz und ich aus Kestanlik. Mein Bruder und ich stammten also nicht aus demselben Ort. Sind wir denn überhaupt noch Geschwister? Ist er mein Bruder? Ist sie dann meine Mutter? Die Sonne schien im Hof und sie knetete in der Zinkwanne die Schmutzwäsche mit ihren Händen wie Brotteig. Ab und an stiegen Seifenblasen über ihren Kopf. Mein Bruder hatte seinen Spaß und wollte sie fangen, doch sie zerplatzen, sobald er sie berührte. Er schrie vor Freude und jauchzte über die zerplatzten Laugenblasen, immer und immer wieder, bis er hinfiel und seine Nase blutete, Mutter ihre Hände an ihrem Rock abtrocknete und sich um ihn kümmerte. Dieser Trottel, da war ich fast froh, mit dem nicht verwandt zu sein. Aber dann war ich ganz allein.

Das verdichtete Leben des Ex-Smutjes M.

Die Begegnung mit einer jungen Frau in der Irrenanstalt, in die Ex-Smutje M. seinen Bruder O. zwecks Elektroschocktherapie – der Bruder litt an Schizophrenie – begleitete:

„Ach, ich bedarf

Onkelchen

Nur ein Ohr und ein Herz

Vater tot

Mutter krank

Schwester krebs

Bruder arm“

Tränen (bei ihr)

Tränen (bei ihm)

„Onkelchen

Das Leben ist kurz“

Gelächter und Bauchtanz (bei ihr)

weises Kopfnicken (bei ihm)

Ich

Als wir uns dort gebaren
Sagte ich, ich zu dir
Und du, du
Während ich dich suchte
Hast du mich eingesperrt
In mein Leben ohne dich

Als wir dort saßen
Sagte ich, ich bin zu dir
Und du, ich bin
Während ich auf dich wartete
Hast du Sprossen getrieben
In meiner wurzellosen Wirklichkeit

Als wir dort lagen
Sagte ich, mein zu dir
Und du, mein
Während ich dich liebte
Hast du Flügel ausgebreitet
In meinen himmellosen Nächten

Als wir dort warteten
Sagte ich, von dir zu dir
Und du, von mir
Während ich dich vermisste
Gab es dich
In meinen nichtgesprochenen Sprachen

Als wir dort spazierten
Sagte ich, ohne Dich zu dir
Und du, ohne mich
Während ich weglief
Hast Du mich getrunken
Von den frostigen Morgennebeln

Als wir dort schwammen
Sagte ich, mit Dir zu dir
Und du, mit mir
Während ich zum Grund sank
Warst Du eine Welle
In meinen ozeansalzigen Augen

Als wir dort schrieben
Sagte ich, Dich zu dir
Und du, mich
Während ich dich erzählte
Hast du mich durchgestrichen
In meinen geschriebenen Sätzen

Als wir dort starben
Sagtest du, ich zu mir
Und ich, du
Während ich dich vergaß
Hast du mich erinnert
Aus geschmolzenem Grau des Nichts

Die Dreiecksgeschichte

Gestern dachte ich an Acitana, aber sie hat damit nichts zu tun. Sie hat mich nur in diese Stimmung versetzt, dass mir kurz vor dem Schlaf die Dreiecksgeschichte in den Sinn kam. Sie glitt geschmeidig über drei Ecken. Ich war zu faul um aufzustehen und sie aufzuschreiben. Jetzt sind mir weder die Ecken bekannt noch die Geschichte an sich. 

Gogol, ja, der kam darin vor. Die toten Seelen trage ich seit meinem zehnten Lebensjahr im Gedächtnis. Wo aber, ist Iris Murdoch geblieben? Nichts da. Dabei hatte sie mich in den Zwanzigern begleitet. Balzacs Lilie im Tal hängt noch, wenn auch sehr schwach. Und diese Zeichnung! Die hatte ich später im Kunstunterricht umgesetzt: Eine indische Weltanschauung, wo drei Elefanten auf einer Schildkröte stehen. Ich hatte für die Schildkröte Reis genommen, und die Elefanten waren Kartoffeln. Der Kunstlehrer ständig, „nicht wahr“, „nicht wahr“, ein selten duschender 68iger. 

Ich hatte schon die zwei Sprachen: eine, die ich nicht mochte; die andere, die ich nicht beherrschte. Bei der Schreckschraube mit rotem Haartoupet gab es immer Punktabzug bei Rechtschreibfehlern. Gott sei Dank, Bratvogel kam und pfiff auf diese Regel. Er gab mir meine Eins. (Aber, diese Sprache, sie jagt mir immer noch Angst ein.) Kunst mochte ich. Kunst hat eine eigene Sprache, da gibt es keine Fehler, „nicht wahr“. So könnte ich heute irgendwo sitzen, Beine an mich gezogen, mit einer Tasse Kräutertee, leere Worte schwingend, „nicht wahr“, Reiskörner als Schildröte, die große Interpretation eines Weltbildes. 

Es kam anders. Ein Jahr später bürstete ich im Krankenhaus die Toiletten und lachte im fensterlosen Pausenraum der Putzkolonne über feuchte Männerunterhosen, die manch einer Frau geschwängert hatten. Nicht wahr…

Aus der Serie, ein Leben in Geschichten