Pupuze Berber

Die Tischlampe muss weg

Die Tischlampe muss weg

Sie saß in einem Sessel, hatte die Beine auf einem niedrigen Hocker lang ausgestreckt, wie Jesus bei Mantegnas „Beweinung Christi“. Er lag allerdings dort auf einer Bahre und zeigte seinem Betrachter die nackten Fußsohlen. Sie hatte Socken an.

Sie saß also fast liegend in ihrem Sessel und strickte, mich mit dem äußerst kritischen Blick meiner Mutter betrachtend. Ich sah sie stricken, sah sie von einer höheren Stelle aus, so als hätte ich eine Semi-Vogelperspektive, stünde ihr gegenüber und wäre mindestens zwei Meter zwanzig groß, oder säße auf einem Regal auf diese Höhe an der Wand. Mich selbst sah ich allerdings nicht, kein bisschen. Dass ich da war, ihr gegenüberstand oder im Regal saß, ist eine Annahme, um die genaue Lage zu beschreiben, von wo ich sie sah, rein von der Blickperspektive her, wo eine Kamera stünde, wenn das Ganze ein Film wäre und ich sie auf einem Bildschirm übertragen bekommen hätte. Denn ich war ja gar nicht da. Aber, es war auch kein Bildschirm da, es war rein gar nichts zwischen ihr und mir, ich sah sie direkt vor mir, so wie oben beschrieben, sah sie stricken, den Blick und ihre Fußsohlen auf mich gerichtet.

„Du musst sie umbringen“, sagte sie und ich hörte ihre langen metallenen Stricknadeln klappern. Ich wusste ganz genau, wen sie meinte, stellte mich allerdings dumm, wie immer.

„Sie macht alles kaputt. Die Tischlampe muss weg.“

„Du hast sicher recht, aber wie?“ Hier log ich. Aber ich musste so tun, als würde ich sie ernst nehmen. So lief es zwischen uns.

„Mach dir doch einen Plan!“ rief sie mir zu und legte genervt ihr Strickzeug aus der Hand. Umständlich und langsam zog sie ihre Beine vom Hocker und setzte sie auf dem Boden.

„Ich muss mir mal eben die Beine vertreten. Und bis ich zurück bin, hast du einen Plan.“

Dann ging sie spazieren. Ich spürte sie meinen linken Arm herunterlaufen, bis zur Spitze meines linken Daumens. Dann wanderte sie wieder hoch, um an der Wirbelsäule entlang runterzulaufen, über die rechte Hinterbacke zum rechten Knie. Das sollte sie ruhig, das ist Sport für sie. Viel lieber wäre sie frei, dachte ich und fühlte sie bedächtig entlang schreiten, mit den Schritten einer älteren Frau, den Kopf leicht nach vorn gebeugt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Wenn sie wieder zurück war, würde ich die stets bewährte Methode anwenden, rückwärts zu zähle. Das war meine Exit-Strategie, wenn sonst nichts weiterhalf.

Um die Geschichte verständlicher zu machen, müsste ich sie von ganz Anfang an erzählen. Ich wohnte schon seit geraumer Zeit in einem kleinen Zimmer, das von meiner Vermieterin bereits möbliert war, als ich es bezog. Es gab darin ein einfaches schmales Bett in einem Holzrahmen ohne Kopf und Fußteil, darin ein Lattenrost, darauf eine Matratze, die leicht durchgelegen war – aber noch ging es, ich konnte auf ihr schlafen, hatte keine Rückenbeschwerden. Neben dem Bett befand sich eine Nachtkommode mit einer Schublade, darin meine Schaf- und Lesebrille sowie die Ohrenstöpsel. An der Wand gegenüber gab es einen kleinen Schrank, am Fenster, das sich zwischen den beiden befand, einen Tisch, an dem ich arbeitete. An der linken Ecke des Tisches stand mein Zitronenbäumchen, das ich aus Italien mitgebracht und Zitronella genannt hatte. Da Zitronella damals noch sehr klein war, konnte sie sich gar nicht daran erinnern. Mag sein, dass sie deswegen hier in meinem Zimmer überhaupt überleben konnte, weil sie das andere, ursprüngliche nicht kannte.

Ich war ein ordentlicher Mensch. Meine Sachen waren aufgeräumt, zu Hause zog ich die Schuhe aus und packe sie in den Schrank. Meine Hausschlappen standen neben der Tür, und ich zog sie ausschließlich zu Hause an. Am Boden lag ein Teppich mit orientalischen Ornamenten. Er sah sehr alt aus, aber ich bin mir nicht sicher, ob er überhaupt echt war. Vermutlich nicht, wahrscheinlich aus einer Massenproduktion, aber es war mir egal, ob der Teppich handgeknüpft oder aus der der Maschine gekommen war. Mir gefielen die Muster, die sich in Tönen von weiß, rot, braun, grün, blau und schwarz öffneten und schlossen, sich in der Mitte zu einem Größeren und Ganzen trafen und an den beiden schmalen Enden ausfransten.

An manchen Tagen saß ich auf dem Bett und schaute mir diesen geordneten Wirrwarr unter meinen Füßen an. Ich sah sich Wiederholendes, sich Abstoßendes, ineinander Greifendes, voneinander Fließendes. Ich erkannte darin Geschichten, die ich nacherzählte, ganze Kladden hatte ich bereits geschrieben. Den einzelnen Figuren gab ich Namen, erfand für sie Eigenschaften, entwickelte Dramatik, Lust, Trauer und Boshaftigkeit, erzählte warum eine kleine Linie von einem schweren Kreuz bedrängt wurde und rote Knoten in Form einer Armee sich in ihrer Richtung neigten, um ihr zu Hilfe zu eilen. Darin und daraus knöpfte ich meine Dichtung, denn hier unter meinen Füßen war sie besonders dicht gewebt. Jeder Knoten saß am rechten Fleck, alles war einem Ganzen und Großen untergeordnet, fast ein göttlicher Gedanke. Möglich, dass die Wirklichkeit ebenfalls ein Teppich war.

So lebte ich mein ruhiges Leben. Morgens stand ich früh auf, öffnete das Fenster, auch im Winter, ließ die ausgeatmete Luft aus meinen Lungen hinausrinnen und sog ungebrauchte hinein. Die Vögel zwitscherten. Ich trank meinen Kaffee und fing an zu schreiben. Um Mittag herum aß ich eine Kleinigkeit, dann machte ich einen Spaziergang zu einer nahegelegenen Parkanlage. Zurück zu Hause las ich im Bett, danach trank ich einen Tee, manchmal auch Kaffee und schrieb weiter an meinen Geschichten oder notierte nur, was mir durch den Kopf ging. Nach dem Abendessen las ich im Bett, bis mir die Augen zufielen. Ich hatte kein aufregendes Leben, aber ich mochte kein anderes. Nur dieses, und zwar so, wie es war. Ich war glücklich, denn Glück entstand nicht aus Äußerem, es war in mir verborgen. Ich hatte meins gefunden, mich mit ihm arrangiert und hätte bis ans Ende aller Tage so weiterleben können. Aber es kam anders. Es fing mit Zitronella an.

Zitronella, mein Zitronenbäumchen stand früher auf dem Balkon, neben dem Bambus. Damals, als ich noch auf den Balkon durfte – später hatte meine Wirtin ihn einem anderen Zimmer zugeteilt – las ich gerne dort, wenn es die Temperatur erlaubte. Ich setzte mich dann auf dem Holzstuhl direkt neben Zitronella, die in einem Topf auf dem Boden stand. Ich lächelte sie an, grüßte sie mit einem Kopfnicken, weil sie doch lebte, so wie ich. Wir Lebenden sollten respektvoll miteinander umgehen. Und so begrüßte ich sie jedes Mal, trank meinen Kaffee oder Tee, und rauchte sogar ab und an eine Zigarette.

An einem dieser Frühlingstage, an dem ich ohne Mütze und dicke Jacke auf meinem Stuhl saß und versuchte Rauchringe ineinander zu blasen, sprach mich zum ersten Mal mein Zitronenbäumchen an. Es war allerdings nicht so ein Sprechen wie mit meiner Wirtin, laut und deutlich und durchaus als Sprache vernehmbar. Daher dauerte es ein wenig, bis dass ich die Stimme, als die von Zitronella wahrnehmen und meinem Bäumchen zuordnen konnte. Sie war wie ein leichtes Pfeifen des Windes, das sich formatiert hatte zu meiner Sprache und zu meinem Verständnis.

Als Zitronella zu mir sprach, horchte mein Inneres Ich auf, legte die Hände auf die Armlehnen und schaute mich mit gekräuselter Stirn an. Ich starrte zurück und wir nahmen war, was das kleine Zitronenbäumchen mir sagte.

„Der Bambus ist zu groß, er ist zu groß, er muss weg.“

Der Bambus war um den Balkon herum gepflanzt worden, als Sichtschutz von außen und war tatsächlich sehr hochgewachsen und sein Schatten fiel den ganzen Tag auf das Zitrusbäumchen. Es kam aber aus einem sonnigen Land und brauchte daher viel Licht.

Natürlich konnte ich den Bambus nicht vernichten, also nahm ich Zitronella zu mir ins Zimmer und stellte sie direkt auf dem Tisch, wo sie den ganzen Tag über der Sonne ausgesetzt war. Ich erzählte ihr hin und wieder, dass auch ich aus einem Dorf komme, wo den ganzen Tag die Sonne scheint und wo es ganz viele große Zitronenbäume gab.

„Erzähl mir mehr“, bat sie mich und ich erwähnte, wie mein Onkel die unterschiedlichsten Zitrusfrüchte gepflanzt hatte, die im Winter schwer an ihren Früchten hingen und das ganze Dorf nicht müde wurde, süßsäuerliches Obst in allen erdenklichen Varianten zu essen.

„Der Duft erst“, sagte ich wehmütig und roch an ihren Blättern. So hatte die Zeit ewig weiterlaufen können, ich war fürchterlich glücklich in meinem Zimmer. Oft saß ich am Tisch, schaute hinaus auf die sich verändernde Welt und sprach mit meinem Bäumchen. Wenn es wollte, las ich ihm meine gedichteten Teppichlegenden vor. Eines Tages, als ich für einen kleinen Spaziergag draußen war und fast erfroren zurückkam, stand auf der rechten Seite des Tisches eine Tischlampe.

Sie war nicht schön, bestand aus braunem Plastik, leicht durchsichtig, gegossen im Stil einer alten und vor allem altmodischen Schirmlampe. Sie hatte einen winzigen Schirm, der lediglich die schwache Birne bedeckte, umzingelt von winzigen Plastiktropfen, die wohl die üblichen Fransen darstellen sollten, jedoch starr waren, um überzeugend zu wirken. Eine schlechte Kopie, dachte ich, hübsch war sie ja nicht, und passte überhaupt nicht in mein Zimmer, das eher altmodisch möbliert war, zusammengestellt aus Holzmöbeln, meist aus Stücken, die meine Wirtin aus der Auflösung ihres Elternhauses mitgenommen hatte. Das Zimmer hatte einen gewissen Charme von altem, von alltäglich gealtertem, mit geschundenen Oberflächen am Schrank und Tischplatte. Nicht so diese Tischlampe, die, wenn auch durchaus gebraucht, weil vermutlich vom Flohmarkt, nicht die Bohne von einer Patina angesetzt hatte und höchstens Staub anzog.

Meine Vermieterin hatte gewiss in guter Absicht die Tischlampe bei mir hingestellt. Sie sollte mir am Tisch Licht spenden, wenn ich zur dunklen Stunde etwas aufschreiben wollte, wohin die Deckenleuchte nicht reichte, weil ich auch mit dem Rücken zu ihr saß. Aber schnell hatte ich gemerkt, dass diese Tischlampe nur den Bereich von 30 cm unter ihrem Schirm beleuchtete und mir nicht von großem Nutzen war. Daher benutzte ich sie kaum.

Eines Herbsttages, draußen ein stetiges Regenrauschen, die Bäume fast kahl und die wenigen verbliebenen Blätter an den Rändern schimmelig gefärbt – sie sahen so bedauerlich aus, dass ich mir die Äste viel lieber gleich ganz kahl wünschte. Da hörte ich mein immergrünes schönes Zitronenbäumchen Zitronella zu mir flüstern.

„Die Tischlampe muss weg.“

„Die Tischlampe muss weg“, wiederholte sie, als ich beim ersten Mal nicht reagiert hatte.

„Was?“ frage ich meine Zitronella und spürte, wie mein inneres Ich aufmerksam stehenblieb. Es kam gerade aus seiner Wanderung zu der rechten Ferse zurück und war dabei, im alten Cordsessel Platz zu nehmen. Das Bäumchen berichtete unbeirrt von bösen Absichten der Tischlampe. Sie würde um sich schleimen und Verbündete suchen. Sie hätte bereits mit dem Tisch, dem Regal und sogar mit der Kaffeetasse, die nun nicht permanent im Zimmer verweilte, wie die anderen, über uns getuschelt.

Ich lachte auf, denn da sprach das Zitrusbäumchen Zitronella, das sich auch über den Bambus beschwert und mir sogar vorgeschlagen hatte, ihn zu vernichten. Damals konnte ich sie verstehen, denn der Bambus warf seinen Schatten auf sie und schnitt sie vom Licht ab. Aber hier? Sie war direkt am Fenster und die Tischlampe an der Wand rechts, also nicht neben ihr. Dazwischen jede Menge Platz und überhaupt keine Berührungspunkte der beiden. 

„Die Tischlampe tötet“, sagte mir nun mein Inneres Ich, mit aufgerissenen Augen. „Das Bäumchen hat es gesehen. Die Tischlampe will alles töten, was lebt.“ Da hatte meine kleine Zitronella wohl direkt mein Inneres Ich kontaktiert und ihm bereits alles erzählt.

„Warum sollte sie?“ fragte ich. Mein Inneres Ich krallte die Hände in die Sessellehnen. Es hatte wieder Platz genommen.

„Weil sie aus Plastik ist, aus toter Materie. Sie hat nie gelebt. Sie ist neidisch.“

Ich dachte nach und erwiderte schließlich:

„Das ganze Zimmer besteht aus toter Materie und nie war davon etwas neidisch auf die Lebenden.“

„Weil sie das Leben kennen, weil sie mal gelebt hatten. All das Holz, der Teppich.“

„Und die Tischlampe nicht?“ fragte ich ungläubig mein mich anstarrendes Inneres Ich, als wäre ich etwas senil im Kopf.

„Überleg mal?“

Mir fiel nichts ein. Ich schaute zu meiner rechten, wo die Tischlampe ein schwaches Licht von sich gab. Aber, nein, ich hatte keine Erklärung, was an der besonders oder überhaupt anders sein sollte. Sie war eine aus Plastik gegossene Lampe, die eine andere aus Pergamentschirm imitierte. Hässlich, zugegeben, aber was sonst noch?

„Sie hat nie gelebt“, schleuderte mir mein Inneres Ich entgegen. Und warum sollte das ein Grund sein, alles Lebendige auslöschen zu wollen? Mein Geschirr tat es doch auch nicht, oder das Kabelgehäuse an der Wand.

Mein Inneres Ich spinnt, dachte ich und beschloss, seine Stimme zu ignorieren. So verging eine Weile, der Winter kam und ging, und dann das nächste Frühjahr. Zitronella erwähnte das Thema nicht mehr und beließ es bei einem täglichen Gruß. Im Sommer wurden ihre Blätter heller. Ich sprach sie an, was los sei. Sie mache sich große Sorgen, sagte sie, inzwischen hätte die Tischlampe viele der Gegenstände im Zimmer auf ihrer Seite. Sie würden eine Kampagne gegen die Fliegen fahren. Ich persönlich hatte nichts gegen Fliegen, denn sie gehörten zum Sommer wie das Atmen zum Leben. Ich kannte es nicht anders. Warum sollten sie eine Tischlampe oder meine restlichen Möbel stören? Ich schüttelte ungläubig mit dem Kopf.

Sie hätten alle Angst, nicht nur sie, gestand sie. Die Fliegen natürlich, weil sie direkt betroffen waren, aber auch die Spinnen, Motten, eben alles, was noch in meinem Zimmer lebte, hätte Angst vor der Tischlampe und ihren Machenschaften.

„Wenn es so ist, lass uns doch mit ihnen sprechen. Und wenn sie ein Problem mit uns haben sollten, werden wir es durchaus in einem Gespräch beseitigen. Wir sind zivilisiert, in diesem Zimmer sind die Gegenstände, alle wie sie da sind, Produkte unserer Zivilisation. Und durch Sprechen miteinander werden wir unsere Differenzen sicherlich ausräumen. Und friedlich zusammen weiterleben, wie auch vorher.“

„Die Tischlampe muss weg“, sagte ganz deutlich Zitronella und mein Inneres Ich bestätige es.

„Die Tischlampe muss weg!“

Nun, so im Nachhinein denke ich, ich hätte dieser Idee, oder besser: dieser Warnung mehr Gehör schenken sollen. Aber, so zivilisiert wie ich war (und immer noch bin, denn das kann nicht einfach so abgelegt werden, wie eine alte Jacke) konnte ich Zitronella und mein Inneres Ich nicht erst nehmen. Zumal Zitronella schon mal Ärger mit dem Bambus hatte. Und mit diesem Vorkommnis aus der Vergangenheit hatte das Zitronenbäumchen wenig Glaubwürdigkeit bei mir, auch wenn mein Inneres Ich jedes Wort von ihr glaubte und mich immer wieder warnte. Ich hingegen versuchte es durch einen Dialog, sprach mit meinem Tisch, suchte eine gepflegte Unterredung mit dem Mülleimer, der allerdings den Mund nur aufmachte, wenn ich auf seinen Treter trat. Sie alle grummelten, protestierten, suchten ihr Recht, wollten das Zimmer für sich haben, und zwar nur für sich.

So hörte ich von der Gardine, wir wären Eindringlinge, wären von Außerhalb gekommen, sie und die anderen Möbelstücke wären schon immer da gewesen. Sie machten das Zimmer aus, nicht wir.

„Ihr gehört nicht dazu und werdet nie so sein wie wir!“

„Was meinst du mit ihr?“, fragte ich mit einem Lächeln, denn ich zahlte schließlich Miete für das Zimmer, es war mein Zimmer. Und da wurde mir bewusst, dass ich mit einer Gardine sprach, die ihre besten Tage schon hinter sich gelassen hatte.

„Na, ihr, die hier rein und rausgeht! Dieser stinkende Baum, ganz zu schweigen von dem fliegenden oder kriechenden Zeug. Und natürlich auch du!“

„Was sagst du nun dazu?“ grinste mich mein Inneres Ich an.

Das ist ein anderes Kapitel, dazu kam ich bisher nicht, denn mein Inneres Ich hat es nie gegeben, es ist nur eine Einbildung. Ich kann es nicht ganz aus der Welt schaffen, aber versuchen zu ignorieren. Meistens gelingt es mir über Tage, sogar Monate, doch als die Gardine mir drohte, da hatte sich mein Inneres Ich sofort gemeldet. Ich war emotional nicht gefestigt genug, seine Stimme zu ignorieren.

„Das wird noch böse enden“, sagte sie. Sie saß wieder in ihrem alten Sessel, hatte ihren Rundgang hinter sich und schien ziemlich deprimiert. Überhaupt hatte mein Inneres Ich nur zwei Gemütszustände. Harsch oder deprimiert. Heute schwankte sie zwischen den beiden wie ein JoJo.

Teils schimpfte sie mich aus, dass ich zu leichtgläubig sei, die Gefahr nicht erkannte und alle ins Verderben stürzen würde. Und im nächsten Moment war sie tieftraurig, weil sie wusste, dass es genauso kommen würde. Sie wusste, sie saß in mir fest und war somit im Grunde machtlos, außer sie könnte mich doch noch überzeugen, zu handeln.

„Die Tischlampe muss weg!“, sagte sie entschlossen und stand auf. Mit aufgerissenen Augen starrte sie mich an, in denen sich Panik ausbreitete.

„Die Tischlampe muss weg, hörst du? Mach, dass sie weg ist. Schmeiß sie raus auf die Müllhalde, mach sie kaputt, dass sie niemandem mehr schaden kann.“

Nun hatte sie auch ihren Zeigefinger erhoben und kam mir näher, als es mir lieb war. Mein Inneres Ich stellte allerdings keine Gefahr dar, weder für mich noch für andere. Es war nur eingesperrt in mir und ich war vernünftig genug zu wissen, dass es zwar da war, ich ihm allerdings nicht gehorchen musste. Die Therapie hatte schließlich gewirkt und mir einen lässigen Umgang mit meinem Inneren Ich beigebracht.

Ich sagte also nichts, zählte von 100 ab rückwärts und lächelte. Irgendwann würde sie aufhören und wieder auf Wanderschaft in meinem Körper gehen und in den Hohlräumen ihren Frust ausschreien. Sie tat mir leid, ich wünsche niemandem ein Gefängnis wie das meines Körpers. Ich wusste, dass sie darin unglücklich war. Als ich später ins Bett ging, spürte ich sie noch lange die Beine auf und ab wandern, an die Zehenspitzen klopfen, am Rücken entlangschlendern. In die inneren Organe kam sie nicht rein. Sie konnte weder ganz raus aus mir noch ganz hinein. Sie war im Limbus gefangen, in meiner eigenen Vorhölle unter der Haut, weswegen ich nicht allzu streng mit ihr war und ihre Schimpftiraden über mich ergehen ließ, indem ich rückwärts zählte. Von 100 ab, langsam, mit Atemübungen. Oft reichte es bis 75. Jetzt war ich bei 57 und sie immer noch in meinem Gesichtsfeld. Ihr Lehnsessel war zwar leer, aber sie war noch da, aufrecht mit erhobenem Zeigefinger, direkt vor meiner Nase. Ich wollte nur, dass sie mich in Ruhe ließ und ich meinem täglichen Leben ungestört nachgehen konnte.

Ich hatte gute Gründe, auf sie nicht gehört zu haben, als sie mich warnte. Nicht einmal sondern immer wieder beschwor sie mich und zum Schluss sogar eindringlich, die Tischlampe wegzuschmeißen, direkt auf die Müllhalde. Es war lächerlich anzunehmen, von einer Plastik Tischlampe von irgendeinem Trödelmarkt bedroht zu werden.

„Da, siehst du all die toten Insekten unter ihrem Schirm?“ schleuderte sie mir bei 41 entgegen. Ich konnte mich nicht erinnern jemals bei so tiefen Zahlen angekommen zu sein. Ich atmete ein und langsam aus, und sagte 40. Sie ging. Mein Sichtfeld war frei.

Gut, das war erledigt, zumindest dieses Mal. Ich schaute auf den Haufen toter Insekten, darunter allerlei Sorten, die ich nicht kannte. Erst war ich bestürzt, hatten Zitronella und mein Inneres Ich wohl doch recht? Das wäre entsetzlich. Aber, dann erinnerte ich mich, wie Licht Insekten anzog, wie die Zimmerdecke in meiner Kindheit im Dorf morgens fast schwarz war, voll von dicken Nachtfaltern, weil wir an heißen Sommerabenden die Fenster geöffnet und das Röhrenlicht an der Decke hatten brennen lassen. So sah ich morgens, wenn ich wach wurde, hunderte von Nachtschwärmern über mir schlummern. Und irgendwann, das konnte ich nicht verfolgen, waren sie tagsüber wieder verschwunden, um später zurückzukommen. Die grellen Neonröhren zogen sie an, Nacht für Nacht, einen ganzen Sommer lang.

So war das hier auch mit den Insekten. Nur, dass sie in meiner Kindheit nicht gestorben waren. Sie hingen an der Decke, als ich aufstand, lagen nicht leblos auf meinem Bett.

Darauf kam ich allerdings nicht, als ich den toten Haufen Insekten sah. Ich ging davon aus, dass sie vom Licht angezogen worden waren und daran starben. Außerdem fand ich nichts Schlimmes dabei. Es waren eben doch nur Insekten, sie lebten eh nicht lange und wurden tagtäglich verjagt, vergiftet, verschluckt. Sie waren nicht gerade sehr beliebt. Niemand hielt sich Insekten als Haustiere (bis auf ein paar merkwürdige Typen vielleicht…)

Außerdem gab es ja wohl genug Insekten, als dass ich eine Handvoll tote unter dem Plastikschirm hätte bedauern müssen. Die meisten Menschen jagten sie mit Fliegenklatschen, aber in meinem Zimmer waren sie mir nie negativ aufgefallen, so dass ich etwas gegen sie unternommen hätte. Ich nahm sie wahr, die Fliegen, die Fruchtfliegen, die Motten, die kleinen Spinnen, die jedoch sehr scheu waren. Ja, unter den toten Insekten waren auch Spinnen, aber ich hatte es damals nicht analysiert und Lehren daraus gezogen, oder mein Inneres Ich konsultiert. Es ließ mich in Ruhe, was ich damals genossen und als einen Sieg für mich verbucht hatte. Vermutlich war es nur beleidigt und hatte sich in eine Ecke verzogen.

Im Nachhinein denke ich, ich hätte meine zivilisierte Arroganz ablegen und sie fragen sollen, warum da auch tote Spinnen lagen, die gewöhnlich nicht vom Licht angezogen wurden. Ganz im Gegenteil, sie sponnen ihre Netze eher in Nischen und lauerten dort auf ihre Beute. Waren sie wohl wegen der fetten Beute gekommen, die dort lag? Würden Spinnen tote Insekten fressen? Warum waren sie aber dann selbst tot? Es muss etwas dagewesen sein, was dazu führte, das eben auch sie starben. Lag es an den toten Fliegen, die sie gefressen hatten? War da Gift drin, die die Spinnen ebenfalls hingerafft hatte?

Eine andere Frage war, woher hatten die Spinnen gewusst, dass dort so viel Nahrung für sie lag? Normal ernährten sie sich von dem, was sie in ihrem Netz fingen und gingen nicht auf die Suche in Gegenden, die sie nicht kannten. Warum war das hier anders? Woher wussten sie das? Hatte jemand es ihnen erzählt und sie damit in die Falle gelockt?

Mein Blick fiel auf den Boden. An der Fußleiste entlang lagen ebenfalls tote Fliegen. Die Spinnen müssen diese bemerkt haben und entlang dieser Spur auf dem Tisch gelangt sein, wo sie durch vergiftete Köderfliegen umgekommen waren.

Es stimmte also, was mir Zitronella und mein Inneres Ich schon so lange über die Tischlampe zugeflüstert hatten. Ich musste sie tatsächlich entsorgen, sonst würde sie weiteres Unheil über uns bringen.

„Möchtest du jetzt endlich etwas unternehmen?“ flüsterte mir Zitronella zu, die trotz meiner guten Pflege viele Blätter abgeworfen hatte – und die wenigen verbliebenen hatten statt ihrem satten dunklen Grün eine schlammige Version davon angenommen. Das waren alles Zeichen gewesen, die ich ignoriert hatte. Die Tischlampe musste ein giftiges Licht ausgestrahlt haben, das die Pflanze in ihrem Wachstum gestört, ja fast getötet hatte.

„Die Tischlampe muss weg!“ sagte ich und schlug mit der Faust auf den Tisch. Wie eine Kampfansage schaltete sie sich an und verstrahlte ein gelbfiebriges Licht, wie das einer Nuklearanlage. Augenblicklich bekam ich einen Stich in die Stirn, genau zwischen den Brauen. Bevor ich irgendwie reagieren konnte, kippte der Stuhl nach rechts, obwohl ich mich nicht bewegt hatte. Von der Tischplatte her wehte mir Staub ins Gesicht. Das Atmen wurde schwer. Ich hustete heftig, fiel vom Stuhl und landete mit Krach auf dem Boden. Ich musste die Steckdose finden und diesem Monster die Stromversorgung abschalten. Mühsam robbte ich unter den Tisch und tastete mich am Kabel entlang zur Wand. Da plötzlich schlug es Funken, meine Hand brannte, ich zog sie mit einem Schrei weg.

Aus der Steckdose kamen Feuerzungen und leckten am Teppich. Er fing an zu brennen. Ich stand auf. An der Lampe war die Glühbirne zerplatzt. Auch von dort knisterte es, Funken peitschten um sich und erreichten meine Notizen. Doch bevor ich etwas unternehmen konnte, hatte die Gardine Feuer gefangen. Unmöglich die Notizbücher zu retten. Am Boden fraß sich das Feuer im Teppich bis zum Bett, das nun ebenfalls aufflammte. Am umgekippten Stuhl züngelten die Feuerflammen am gebrochenen Bein hoch, dunkler Rauch verbreitete sich im Raum. Ich musste raus.

Hustend schnappte ich mir Zitronella, die die ganze Zeit schon „raus, raus, raus hier, wir müssen hier raus!“ schrie, die ich aber erst jetzt hörte. Ich öffnete die Tür, lief in den Flur und kaum war ich draußen, brannte schon die Zimmertür. Drinnen sah ich nichts als Feuer und schwarzen Rauch.

„Raus hier, wir müssen das Haus verlassen!“ schrie Zitronella in meiner rechten Armbeuge, denn mit der Linken musste ich mir meinen Mund zuhalten. Ich rannte keuchend die Treppe runter. Jeder Atemzug brannte in den Nasenlöchern und in der Lunge. Endlich draußen. Die Feuerwehrsirenen waren zu hören, aber ich sah niemanden. Das Fenster meines Zimmers war zerborsten und Feuerzungen leckten nach draußen in den Tag. Ich stellte das Bäumchen auf dem Gehweg und setze mich erschöpft daneben.

In stimmungsvollen Zügen

In stimmungsvollen Zügen

Ich saß im ICE auf der Rückfahrt von Berlin nach Frankfurt. Hinter mir lagen zwei Tage Lesung auf einer Flusskreuzfahrt. Wir waren über Flüsse und Kanäle gefahren, deren Namen mir entfielen, noch bevor wir das Schleusenbecken passiert hatten. Das Wetter war kalt, die Landschaft trostlos, der Februar hatte ihr die Farben ausgeblichen. Kahle Äste ritzten sich in den grauen Himmel, dürre Grashalme klebten an dem gefrorenen Boden. Der Reif hatte sie unter sich erstickt. Kein Leben weit und breit, keine Straßen, keine Menschen, keine Zivilisation. Und wenngleich der Begriff Kreuzfahrt ein Abenteuer auf Wasser suggeriert – dem war nicht so. Die einzigen Wellen erzeugte der Schiffsmotor selbst und dass wir uns fortbewegten, merkte ich erst, wenn ich die trübe Welt an unserem Fenster vorbeischleichen sah. Drinnen, in diesem langgezogenen Kahn: ein senioriges Miteinander mit rüstigen, solventen Rentnern, denen das all-inclusive Angebot mit reichhaltiger Kost und hochprozentigen Getränken auf die Gesundheit schlug, so dass an jedem meiner zwei Aufenthaltstage ein Krankenwagen bestellt werden musste.

Ich verließ das Schiff in Potsdam, nahm die S-Bahn nach Berlin und stieg dort in den ICE nach Frankfurt ein. Was bot mir diese Zugfahrt für eine Schnelligkeit nach dem trägen Gondeln in künstlichen Kanälen ohne Strömung. Mir war das nur recht. Rasch fuhren wir durch den Osten hindurch. Ich saß am Fenster an einem Vierer-Tisch und hörte Kurzgeschichten von Poe.

In Erfurt stieg ein Ehepaar ein, mit zwei Koffern, die sie, weil sie zu groß für die Ablage über den Köpfen waren, in der Gepäcknische parkten.  Die Frau setzte sich neben mich, der Mann ihr gegenüber. Dann kam ein weiterer Mann und nahm Platz neben ihm am Fenster. Mein Tisch war nun voll besetzt. Wir grüßten uns alle höflich und während sich die Zugestiegenen von ihren Jacken, Schals und Mänteln befreiten und platzfertig machten, wurden auch die übrigen leeren Sitze besetzt. Zuvor hatte, zumindest unser Großraumwagen, wenig Fahrgäste gehabt. Nach dieser kurzen Unterbrechung ließ ich mein Hörspiel weiterlaufen.

Mein Gegenüber stopfte sich ebenfalls Kopfhörer rein und tauchte in sein Handydisplay ein. „Schaut bestimmt einen Film“, dachte ich. Sein Sitznachbar, der sich erst gerade hingesetzt hatte, stand wieder auf, holte aus der Kofferablage über unseren Köpfen seine Jacke, zog aus der Innentasche einen Stapel Papiere und einen E-Reader heraus. Er legte den Reader auf den Tisch, nahm die Papiere sorgfältig wieder auf, schob sie in einen braunen Umschlag, der bei den Papieren gewesen war und stopfte diesen dann in die Innentasche seiner Jacke, die er anschließend zusammengefaltet zurück im Fach verstaute. Danach setzte er sich zurück und begann sein E-Book zu lesen. Seine Frau behielt ihre große Handtasche auf ihrem Schoß, holte daraus eine Thermoskanne, zwei Henkelbecher aus Emaille, eine Butterbrotdose und stellte alles auf den Tisch. Dann füllte sie beide Tassen mit Kaffee, schob eine zu ihrem Mann hin.

„So, der Tisch ist nun gedeckt“, dachte ich. Dieses Ehepaar war furchtbar praktisch veranlagt. Ich hingegen verließ ohne Frühstück das Schiff, und hatte auch unterwegs nichts gekauft, so dass ich nicht mal Wasser bei mir hatte. Aber, beim ICE gab es einen Speisewagen; wenn ich Hunger hätte, würde ich dort alles finden.

Der Ehemann, der bedient wurde, nahm schweigend vom Kaffee einen Schluck, ohne seine Augen vom Reader zu heben, oder gar seine Frau zu danken. Sie hingegen schraubte den Deckel wieder auf die Kanne. Dann zog sie einen kleinen Stoffbeutel heraus, stellte die große Tasche oben in die Ablage, setzte sich wieder und holte aus dem Beutel ihr Strickzeug heraus. Sie legte die Strickanleitung auf den Tisch und beschwerte das Blatt mit ihrer Kaffeetasse. Es sollte ein Pullover werden, in drei verschiedenen Farben, schlammgrün, gelb und hellblau. Eine sehr merkwürdiger Farbauswahl, aber sie begann trotzdem das Gelb glattrechts zu stricken, wobei die Nadelköpfe dieses typische leise Klackern von sich gaben.

Ich selbst stricke ganz gerne, allerdings nur im Winter. Im Sommer schwitzen meine Hände und die Wolle quietscht metallisch an der Nadel, als würde ich jede Masche einzeln quälen. Ich überlegte also, ob ich meine Nachbarin nicht ansprechen sollte. Wir hätten übers Stricken ein angenehmes Gespräch entwickeln können, worauf ich mich sehr freute. Nur: wie anfangen?

Etwa: „Oh, wie schön. Was wird es denn?“ Ich sah ja die Strickanleitung und wusste es ohnehin. Und schön? Da müsste ich wirklich lügen.

Oder: „Für wen stricken Sie den Pullover?“ Reichlich plump. Es ist ein Damenpullover, und wenn sie antwortete „für mich, meine Tochter, meine Mutter, meine Schwiegermutter, meine Freundin, meiner Nichte…“ hätte ich lediglich mit einem „Aha“ reagieren können. Und somit wäre das Gespräch zu Ende, bevor es angefangen hatte. Nach langem hin und her beschloss ich, sie nicht anzusprechen. Heute war ich nicht kreativ, mein Kopf noch voll von der Flussreise, obwohl da nichts Besonderes vorgefallen war.

Siecher kam ihr meine Resignation entgegen. Weil, obwohl ich gefühlt eine halbe Ewigkeit auf ihre klimpernden Nadeln schaute – sie musste das gemerkt haben, so nah wie ihr ihr gekommen war – drehte sie nie den Kopf mit einem Lächeln zu mir. Da wäre mir bestimmt spontan etwas eingefallen. Ich gab auf und schaute aus dem Fenster auf die vom Reif gezuckerten Felder. Der Mann mir gegenüber nahm seine Kopfhörer raus und legte sein Handy auf dem Tisch ab, mit dem Display nach unten, damit ich nicht sehen konnte, womit genau er sich beschäftigte. Wir blickten uns kurz an, um dann, fast einvernehmlich, nach draußen zu schauen, als wollten wir im Grau des Himmels und der Felder eine Ablenkung suchen.

In der Sitzreihe vor uns unterhielten sich zwei Frauen. Ihr Murmeln drang durch den „Schachtürken“ zu mir, ohne dass ich etwas verstanden hätte. Der „Schachtürke“ war ein Schachautomat, der in Wirklichkeit keiner war, und Poe hatte in dieser Kurzgeschichte den Schwindel aufgeklärt. Er zerlegte den Schwindel gründlich und Punkt für Punk.
„Dieser Automat konnte keineswegs eigenständig Schach spielen, sondern war nur ein Kasten mit Turban und dem Gewand eines Türken“, wie sich damals ein Europäer, genauer sein Erbauer Wolfgang von Kempelen, ihn eben vorstellte.

„In dieser Kiste saß ein kleiner Mann, der die Züge vollzog, wenn der Automat gegen Menschen spielte.“

„Es ist so, dass der Automat größer war als angenommen.“

„Der Automat gewann nicht jede Partie. Wenn er aber gefüttert wäre, mit allen möglichen Zügen, die sein Gegner machen könnte, müsste er dann nicht jedes Spiel gewinnen?“

„Er dreht die Augen, macht mit dem Gesicht Faxen, wenn er sich des Sieges sicher ist, und einen schwachen Gegner hat. Wenn er jedoch beim Zug nachdenken muss, so ist die Mimik des Türkens starr.“

„In den Salons, wo der Baron sein Apparat vorführte, wurde zuvor ein kleiner Mann gesichtet. Während der Show sah man ihn jedoch nicht.“

„Er wird bedient.“

„Von seiner Frau.“

„Er dürfte nichts trinken.“

„Seine Bewegung ist ruppig, er rollt mit den Augen.“

„Er hat ihr nichts mehr zu sagen. Sie ihm auch nicht.“

„Das geht vielen so. Die Luft ist raus.“

Die Stimmen der zwei Frauen drängten sich nun detulicher in mein Hörbuch hinein. Zugegeben, sie waren zwar viel leiser als Poes Auseinandersetzung, eher wie ein dumpfes Flüstern, doch konnte ich alles ganz genau verstehen, nur nicht zuordnen, woher sie kamen. Ich tippte auf Stopp, nahm die Kopfhörer aus den Ohren, um mich ganz den beiden zu widmen.

„Sie führt etwas im Schilde.“

„Ach, du bist immer so negativ.“

„Ich kann eben besser beobachten.“

„Was gibt es da zu beobachten. Das ist ein Paar, das die Schwiegermutter besucht.“

„Sie macht verdächtig viel für ihn, findest du das normal?“

„Viele Frauen sind so. Vermutlich hat sie keine Kinder.“

„Und sie selbst trinkt nichts, ist dir das nicht aufgefallen? Sie will ihn sicherlich vergiften.“

„Sie hat keinen Durst. Du trinkst doch auch nichts.“

Wo genau saßen sie? Die Stimmen kamen eindeutig aus den Reihen vor uns. Über wen sprachen die nur? Vielleicht über jemanden schräg neben ihnen?

„Übrigens, sie besuchen mit Sicherheit nicht die Schwiegermutter. Da lugten zwei Tickets aus seiner Tasche. Sie machen eine Kreuzfahrt in der Karibik.“

„Er und Kreuzfahrt? Der wandert viel lieber im Harz. Glaub mir, er ist schon ganz knochig. All sein Fett hat er Berg auf, Berg ab weggeschmolzen.“

„Und sie? Wollte sie wohl wandern? Ich vermute nicht. Sie ist eher so die Gemütliche.“

„Selbst schuld. Sie hätte ihn nicht heiraten sollen.“

„Sie war jung und von ihrem Professor wohl begeistert gewesen. Er ist sehr viel älter als sie. Ich vermute da so eine Verbindung.“

„Du meinst, sie wollte nur gute Noten und hat sich nicht getraut, es mit Lernen zu versuchen? Und was gibt es für Soziologie zu lernen?“

„Wie kommst du denn darauf?“

„Na ja, wie ein Anwalt sieht er nicht aus, und sie schon gar nicht.“

„Wieso? Nur, weil sie unscheinbar und farblos ist und gern strickt?“

„Sie strickt eine Falle, wie eine Spinne. Sie will ihn loswerden. Hat bestimmt einen neuen.“

Über wen redeten sie? Schauten sie gemeinsam einen Film? Oder sprachen sie etwa über meine Sitznachbarn? Es stimmte schon, der Mann war viel älter als sie, und knochig, sie eher rundlich und sie strickte ja auch. Aber wie konnten diese beiden Frauen von ihren Plätzen aus meine Sitznachbarn beobachten? Gab es da womöglich ein anderes, ähnliches Pärchen? Ich konnte von meinem Sitz aus nicht viel sehen. Schräg vor mir, auf der anderen Seite saß ein Mann, und war neben ihm seine Frau?

„Sie will ihn umbringen.“

„Er hat seinen Becher ausgetrunken und lebt immer noch. Du und deine Hirngespinste.“

„Er wird sicherlich nicht hier tot umfallen, auch wenn er die ganze Kanne austrinkt.“

„Sondern?“

„Das weiß ich doch auch nicht. Auf jeden Fall wird der Mann seit langem schon mit geringen Dosen vergiftet.“

„Ja, ja, und weil ihm das Gift schmeckt, füllt er seinen Becher nach.“

„Ihre Tasse ist noch unberührt. Zufall?“

„Sie strickt, da hat sie die Hände voll.“

Was lästerten diese beiden denn so laut? Ich konnte sie nun viel deutlicher hören und bestimmt auch die anderen Fahrgäste. Ein wenig schämte ich mich für meine Neugierde, weil ich wie gebannt zuhörte, ohne etwas anderes zu machen. Das fällt auf, ich sollte wenigstens für etwas anderes Interesse zeigen. So nahm ich das Buch aus meiner Tasche und tat so, als würde ich darin lesen.

Und hörte nichts. Eine ganze Weile herrschte im Abteil Schweigen. Das Buch, in das ich nun hineinstarrte, langweilte mich, denn es war mein eigenes, aus der ich auf dem Schiff vorgelesen hatte. Vielleicht sollte ich mit Poes falschem Türken weitermachen? Ich zögerte.

Die Frau neben mir holte aus ihrem Beutel einen neuen Wollknäul heraus und fragte ihren Mann.

„Du hast die Tickets, oder? Ich hab sie nicht mehr in der Tasche.“

„Ja doch, sind in meiner Jackentasche, habe sie in den Umschlag gepackt. Ich passe auf, du kriegst schon deine Kreuzfahrt, keine Angst.“

Er lächelte sie über den E-Reader an. Auch ihr linker Mundwinkel zuckte Richtung Ohr, doch die Augen hielt sie auf die Strickvorlage gerichtet. Dann zählte sie die Reihen und strickte mit Schlammgrün weiter.

„Sie ist eine geduldige Mörderin, plant es schon eine Weile, aber er?“

„Wie, er?“

„Ja, er ist viel gerissener.“

„Was meinst du damit?“

„Na, schnell und effektiv. Er wird sie vom Schiff stoßen. Und anschließend an seiner Vergiftung sterben, in dem Glauben, er sei nur seekrank. Weil er sie unterschätzt und ihr nicht zutraut, planerisch vorzugehen oder überhaupt, ihn loswerden zu wollen. Er denkt mit Sicherheit, sie könne nicht ohne ihn leben.“

Jetzt reichte es mir. Wer waren diese beiden Lästermäuler? Bevor meine Nachbarin eine neue Reihe begann, nahm ich meine Tasche und bat um Durchgang in den Gang. Ich lief langsam die Reihen entlang Richtung Speisewagen, schaute mir die Fahrgäste rechts und links genauer an, doch vor uns saßen zwei junge Männer, und beide schliefen. Auch sonst sah ich niemanden, die den Stimmen entsprach.

Ich spürte langsam Hunger. Es war auch kurz vor 12 Uhr. Getrunken hatte ich auch nichts, außer einer Tasse Cappuccino, also lief ich zum Speisewagen und bestellte mir das Tagesmenü mit einem Glas Weißwein. Langsam füllten sich die Tische. Der Fisch war nicht schlecht und ich hatte eine angenehme Gesprächspartnerin, die mir viel von ihren Kindern, Enkeln und so allerlei erzählte, so dass ich gut unterhalten war, bis zum Schluss. Wir verabschiedeten uns hastig, denn wir waren schon über die Brücke gefahren, der Zug rollte Richtung Frankfurt Hauptbahnhof. Ich rannte zu meinem Platz, um mein Köfferchen von der Ablage zu holen. Die Plätze am Tisch waren alle leer, die Fahrgäste standen mitsamt ihrem Gepäck im Gang und warteten auf den Halt des Zuges. Und sobald das der Fall war, strömten wir alle hinaus.

Hier hätte die Geschichte zu Ende gehen können. Doch es kam anders. Denn etwa drei Wochen später saß ich wieder in einem Zug, dieses Mal mit meiner Familie Richtung Paris. Unsere lang ersehnte Urlaubsreise, die mein Mann und ich unserer Tochter zu Weihnachten geschenkt hatten. Nicht uneigennützig, gebe ich zu. Der TGV war pünktlich. Wir hatten unsere Plätze im oberen Deck an einem Tisch. Vater und Tochter saßen am Fenster, ich neben meiner Tochter in Fahrtrichtung. Auf den Platz mir gegenüber setzte sich ein Mann mittleren Alters mit Bauchansatz. Er grüßte mit einem Kopfnicken, stellte das bekannte dünne Blättchen mit den vier großen weißen Buchstaben und eine Tüte vom Bäcker auf den Tisch. Schnaubend setzte er sich hin und schlug die Zeitung auf, so dass diese frontal vor meine Nase war. Unwillkürlich fing auch ich an zu lesen.

„Kreuzfahrt des Grauens! Frau stürzt vom Schiff, Ehemann stirbt bei der Rückführung.“ Die kleinere Schrift konnte ich nicht mehr entziffern. Ich zückte mein Handy und googelte nach. In der Thüringer Allgemeine, Lokalteil Erfurt fand ich folgenden Artikel: „Traumurlaub für deutsches Ehepaar endet tödlich! Werner M. und seine Frau Martina hatten lange für eine Kreuzfahrt in der Karibik gespart. Und als es soweit war, kommt es zu einer Tragödie: Die Frau muss in der Nacht, kurz nach der Ankunft vom Schiff gefallen sein. Leider wurde ihr Verschwinden nicht sofort bemerkt, da ihr Ehemann an Seekrankheit litt und die Kajüte nicht verlassen konnte. Der Mann war körperlich dermaßen geschwächt, dass er seine Rückreise mit einem Krankentransport von Hamburg nach Erfurt nicht überlebt hat. Ärzte vermuten einen Herzinfarkt. Die Familie und die Freunde des Paares sind in tiefer Trauer. Sie können es nicht verstehen, dass nun beide auf so tragische Weise gestorben sind. Auf diese Reise hätten sich die Eheleute sehr gefreut.“

Zum Ewigkeitssonntag

Viele sind von uns gegangen. Denn, es gibt den Tod, es gibt die Toten. Wenn sie gehen, gehen sie, und doch gehen sie nicht ganz. Sie hinterlassen uns ihre Lücke, sie übergeben uns in ein Leben ohne sie, sie hinterlassen uns ihr Fehlen, ihr Nichtsein, unseren Verlust. Und in dieser Leere wird uns ihre Abwesenheit bewusster, wie es uns ihre Anwesenheit nie war; Trauer.

Ihre Abwesenheit hinterlässt uns Schmerzen, sie hinterlässt uns Trauer, die wie ein undefinierbarer Wust ist, ein Berg, ein Ozean, eine Wüste, ein Feuer, eine Ohnmacht, eine Wut, auch Verzweiflung, oft alles zusammen.

Wir Hinterbliebenen versuchen diesen Wust zu ordnen, zu teilen, zu strukturieren, zu analysieren und so jedem Gefühl Platz zu schaffen und Geleit zu geben in unserem individuellen Trauerprozess. Wir trösten uns mit Erinnerungen, lassen sie aufsteigen, oder sie kommen unerwartet, denn die Trauer lässt sich nirgends einsperren. Sie blitzt auf, wenn wir eine Strickjacke sehen, an einem Restaurant vorbeifahren, im Park spazieren gehen, Gedichte lesen, Träumen, Gedanken kreisen lassen.

Wir erinnern und denken, wir füllen die sichtbare Abwesenheit mit Erinnerungen und Andenken, erzählen uns, teilen uns Freunden oder Verwandten mit. Wir legen unsichtbare Pfade in die sichtbare Abwesenheit, wir gedenken gegen die Leere, verinnerlichen und verdichten Erzählungen, verschachteln und schichten Erinnerungen. Wir bebauen die sichtbare Abwesenheit mit ihren Geschichten.

Viele sind von uns gegangen. Und doch sind sie bei uns, in unseren Geschichten.

Vorgetragen am 24.11. in der Kreuzkirche Preungesheim, Frankfurt

Ein letztes Mal träumen

Ein letztes Mal in deinen Träumen…
Komm und flieg mit mir
Dein weißes Kleid zieht ein Gewitter hinter sich her
Die Beine glatt rasiert, an der roten Ampel
Feuchte Hände und die Lippen rot
Und Guten Abend,
Schön dass sie das sind

Ein letztes Mal in meinen Träumen…
Was redest Du da
Schweig, ohne mich bist Du nichts
Keine Schwalbe am Himmel
Der in zwei sich gerade teilt
Die dunklere wird siegen
Und Du mit dem weißen Kleid
Im Kopf das Lied
Wenn Gott einer von uns ist,

Jah
Jah
Gott ist groß
Warum muss das Knie bluten
Rot ist schön, wie Deine Lippen
Das Wasser schafft es nicht
Rot hinaus zu spülen

Ein letztes Mal mit uns in Träumen…
Wenn die Schwalbe nicht mag
Lass mich doch fliegen
So breite Deinen weißen Rock aus und lass Dich fallen
Die Musik im Ohr, Blicke um dich, lächle stets zurück
Eine Zigarette lang
Und danach ist ein Loch zwischen den Lippen

Ein letztes Mal in ihren Träumen…
Ausgedehnt ein Universum gleich
Feucht die Hände
Rot die Küsse
Blutig das Wasser
Oder ist das alles egal
Schau doch nach unten, du dummes Ding
Du fliegst doch schon

Die Ballade von der alten Frau und der Katze im Wald

Neulich treffe ich
eine alte Dame
am Rollator
und in Persianer
Wir steigen beide aus der U-Bahn

Sie hat Schwierigkeiten
ich eiligen Termin
aber ich helfe ihr
so gehen wir
langsam
nebeneinander her

Nach fünf Schritten
bleibt sie stehen
schaut mich an und
sagt:

„Ach, wissen Sie,
neulich treffe ich meine Katze im Wald
eigentlich ein Kater
Fritz sage ich
wie er da am Baum liegt
keine Ahnung,
ob Birke,
Eiche oder
Fichte?
Nein, nein
Tanne erkenne ich,
die war‘s nicht
Ich sag, Fritz sag ich
du alter Zausel,
du mochtest meine Männer nicht.
Aber die Fleischbuletten.
Wie du sie geschlungen hast,
weißt du noch?

Da sagt er, „ich bin doch tot.“
Ich sag, „das weiß ich doch.“

Der Rollator rollt wieder
wir laufen zum Aufzug
sie drückt den Knopf und sagt:

„Ach, wissen Sie,
neulich im Wald,
da traf ich meine Katze,
eigentlich ein Kater.
Wie er da liegt, unterm Laub
so viele Schichten
der endlichen Zeit
damals war ich ganz jung
Ich sag, Fritz, sage ich
du weißer Bengel,
hast mit meiner Wolle gespielt
und Löcher gewoben
mir ins Gedächtnis
Hab‘s dir doch verboten
weißt du noch?

Da sagt er, „ich bin doch tot.“
Ich sag, „das weiß ich doch.“

Wir fahren dann
mit dem Aufzug hoch
Darin kein Wort
Die Tür geht auf,
sie rollt hinaus.
Bleibt stehen und:

„Ach, wissen Sie,
neulich da traf ich den Fritz im Wald,
wie er da lag,
am Wegesrand.
Ich sag, Fritz sage ich,
Du beleidigte Leberwurst.
Warum dieses Schweigen
Hab‘s halt tun müssen,
es musste so sein.
Hör auf mit dem Zirkus

Da sagt er, „ich bin doch tot.“
Ich sag, „das weiß ich doch.“

Die Dame wendet sich ab und
geht in Zeitlupentempo fort


Moment mal,
denke ich,
da fehlt doch noch was
Mit zwei großen Schritten
habe ich sie eingeholt
Sie lächelte mich an:

„Ach, wissen Sie,
neulich im Wald,
da traf ich meinen Fritz.
Wie er da lag im tiefen Graben
das Herbstlaub über
Mund und Augen.
Ich sag, Fritz sag ich,
du alter Schwerenöter
gestorben bist du
durch meine Hand

Da sagt er „Ich bin doch tot“
Ich sag „das weiß ich doch,
sonst wärst du fort“

Eine Kindheit im Pontus (Teil 5 die Lüge)

Zu Fuß gehen mochte ich schon immer, insbesondere das Schlendern. Normalerweise gehe ich nur bei schönem Wetter raus, aber das bisschen Regen, dachte ich, und wer weiß, vielleicht ziehen die Wolken auch schon bald vorüber. Nichts ist von Dauer. Und die Unannehmlichkeit, in diesem so herrlich duftenden Frühling nass zu werden, war mehr als erträglich. Ich könnte jederzeit nach Hause gehen, eine warme Dusche nehmen und mir eine Tasse heißen Tee machen, mich einkuscheln auf der Couch. Beim Gehen hatte ich mäandernde Gedanken, denn zu Hause konnte ich nie etwas zu Ende denken, da war die Wäsche, der Staub, die nicht ausgeräumte Spülmaschine, die sich stapelnden Zeitschriften, die ungelesenen Emails. Da konnte ich nie so bei mir sein wie auf einem Spaziergang. Es war Freitag, und ich hatte frei.

Beim Gehen kreisen meine Gedanken um Erlebnisse, die aus den dunklen Tiefen der fast vergessenen Vergangenheit hochkommen, wie an einer Schnur befestigte Fotografien. Sie sind nicht chronologisch, sondern sprunghaft in der Zeit, doch kommen sie nacheinander am inneren Auge vorbei, wo das bewusste Denken sie beleuchtet, Details darin erkennt, die aus heutiger Sicht anders zu deuten wären. Möglicherweise waren sie schon damals ganz anders gedacht, nur dass während des Erlebens ich mittendrin war und lediglich aus einem sehr dünnen Verständnisfundus reagierte.

„Ihre Denkspulen sind runtergefallen und sind durcheinandergeraten. Ach, der Kopf ist schon sehr anfällig, und ihr denkt nur an eure Füße und schützt sie, dass sie nicht nass werden.“

Großmutter saß an ihrem Webstuhl, verknotete dünne Hanffäden an einem Holzbalken und zog sie dann durch einen feinen Kamm. Cicianne, die mit dem goldenen Zahn, war mit ihrer jüngeren Schwester Medeaba in der Stube bei Großmutter und sie halfen ihr, den Webstuhl aufzubauen. Es würde lange dauern, bis sie ihr kleines Schiffchen zwischen den Reihen der marschierenden Fäden hin und her schicken konnte, das ich so sehr liebte, weil dann Großmutter Geschichten erzählte. Manchmal bewarfen sich anwesende Frauen mit Liedern, so eine Art Gesangswettbewerb, in dem sie sich auf gegenseitige Schwächen bezugnehmend und zur Erheiterung der ganzen Runde lustige Liedtexte dichteten. Zwei habe ich versucht zu übersetzen:

Das Kleid, das du anhast
Ist es Seide oder was
Da, du trägst es ständig
Wann wäscht du es eigentlich

Gabs heute Bohnen bei dir
Der Wind roch allzu stark hier
Eine Horde Wespe, Fadime
Steche deine Lügen-Zunge

Im Winter, wenn wir in der Stube blieben, wenn dort sogar der Ofen gefeuert wurde, war die Zeit der Hochzeiten, Erzählungen, Gesänge und des Zankens. Sobald das herbstliche trockene Laub von den Hängen gefegt und in den Ställen als Schlafunterlage der Kühe gepackt war, war die Arbeit eines Jahres erledigt und es kam die gesellschaftliche Zeit. Ab da saßen die Frauen zu Hause und diejenige, die einen Webstuhl hatte, baute ihn auf. Und webte den ganzen Winter über, auch an ihren Erzählungen.

„Die Spulen müssen an ihrem Platz sitzen. Sonst wirst du irre im Kopf, redest dummes Zeug wie Heva.“  Niemand wollte so werden wie Heva, und ich wusste nicht, warum. Denn ich mochte Heva sehr. Sie war die einzige Erwachsene, die sich Zeit nahm und sich tuschelnd mit mir unterhielt, wie es andere Frauen untereinander taten. Sie erzählte mir von einem jungen Mann, den sie begehrte. Ich fragte sie, was sie von ihm wollte. „Heiraten“, antwortete sie, „und dann bekomme ich schlaue Kinder wie dich.“

„Heva war nicht immer Heva. Als kleines Mädchen habe ich sie sehr gescheit und vernünftig erlebt. Beim Allah, dem Mächtigen, Medea, du hast sie zu heftig geschlagen. Da müssen all ihre Spulen runtergefallen sein. Was helfen da die vielen Ärzte, Medea, spar dir jetzt dein Geld. Heva ist Heva, erzählt, was ihr gefällt. Wir kommen mit ihr klar. Aber du Medea, auf dich wartet die Hölle“, schimpfte Cicianne auf ihre hagere Schwester ein.
„Rede nicht! Heva habe nicht anders behandelt als die anderen Acht. Und warum sind bei ihnen die Spulen nicht runtergefallen?“ Medeaba wollte nicht an Hevas Zustand schuld gewesen sein, aber was war denn dieser Zustand? Nur weil sie sich mit mir unterhielt und mich ernst nahm? Waren deswegen ihre Spulen durcheinandergeraten?

„Sagen wir Heva habe ich geschlagen, aber was ist mit der Schwiegertochter von Hosrofun Ahmet? Hatce, kaum ein Jahr verheiratet, schon hat sie Maraz. Hab ich sie vielleicht auch geschlagen?“

Maraz war etwas ganz Schlimmes. Da schrien die Frauen laut, rissen sich die Kleider vom Leibe und rannten weg, so schnell, dass niemand sie einholen konnte. So wurde die Geschichte einer Alten erzählt, die der Maraz befallen hatte.

„Ach, die hatte keine Maraz“, griff Großmutter ein. „Sie hatte nur Sehnsucht nach ihrem Mann. Warum hat man sie auch nur hierbehalten?“

„Jemand muss Nafiyeba doch helfen. Einer nach der anderen haben die Söhne ihre Frauen zu sich nach Istanbul genommen. Und jetzt auch noch Hatce.“

Meine Mutter hatte Hatce als Braut geschmückt. Ich konnte mich an diesem unglücklichen Tag ganz genau erinnern. Sie hatte sich mit anderen Frauen ins Zimmer eingeschlossen und mich wieder nicht reingelassen. So saß ich vor der Tür und lauschte dem Wehklagen des jungen Mädchens, dem Gelächter der anderen Frauen und die Mahnung Mutters: „stell dich nicht so an, du siehst aus wie ein Äffchen. Du gehst zum Fotografen. Du willst doch hübsch aussehen. Er wird aus seinem Kasten kein schönes Foto von dir ziehen können, so behaart wie du im Gesicht bist. Die Haare müssen weg.“ Ja, so sprach sie, der Fotograf zog ein Foto. Das Verb im Türkischen, das fürs Fotografieren gebraucht wird, bedeutet tatsächlich „ziehen“.

Das Mädchen tat mir leid. Das sagte Mutter mir auch, wenn sie mir die Haare kämmte und ich schrie, weil der Kamm tiefe Rillen in meiner Kopfhaut zog. „Stell dich nicht so an, deine Haare sind hohol (zerzaust).“ So weinte ich jeden Morgen, weil meine Haare unbedingt täglich gekämmt werden mussten. Dabei waren wir nur einmal beim Fotografen gewesen.

Mein Onkel aus Karabük wollte von mir und meinem Bruder ein Foto als Andenken haben, denn seine Frau und er waren kinderlos. An jenem Morgen hatte Mutter mich besonders gequält und mir diese verhasste Frisur verpasst: eine Palme mitten auf dem Kopf. Und dann wurde Tipischs Wagen bestellt. Tipisch war Onkel Ibrahim, der Mann von Tante Rukiye, die sich bei jeder möglichen Gelegenheit über ihn beschwerte, und ihn aber trotz allem liebevoll Tipisch nannte. Erwachsene waren schon merkwürdig. Wir Kinder durften ihn nie so nennen, auch Großmutter und Mutter nannten ihn nur so, wenn sie untereinander waren. Sonst hieß er bei meiner Großmutter Sevkinin Ibrahim, (Sevkis Sohn Ibrahim) und bei Mutter Ibrahim Abi (Bruder Ibrahim), bei mir Ibrahim Amca (Onkel Ibrahim). Ich mochte ihn, weil er uns Bonbons aus der Stadt brachte und mit seinen schwarz polierten Schuhen kleine, tänzelnde Schritte machte. Vermutlich nannte ihn Tante Rukiye deswegen Tipisch, weil er so tipisch tipisch neben ihr lief und sie keine Mühe hatte, mit ihm Schritt zu halten.

Am Fototag herrschte zu Hause große Aufbruchstimmung. Mutter durfte nach dem Frühstück nicht mal den Abwasch machen. „Tipisch kommt gleich, macht euch bereit“, mahnte Großmutter. Und dann kam er mit seinem Auto, hupte, und wir liefen den Weg vom Hof auf die Straße.

Mein Bruder war ganz aufgeregt und fragte mich, wie der Fotograf von uns ein Foto machen würde. In der Hinsicht war er schon schlau, mich und nicht Mutter gefragt zu haben und ich war schon froh, dass Mutter in der ganzen Aufregung uns nicht die gleiche Behandlung wie Hatce zukommen ließ, denn die Arme war danach ganz rot im Gesicht. Vermutlich überließ sie es dem Fotografen. Es war je keine Hochzeit und das Foto war nur für meinen Onkel gedacht.

„Na, ganz einfach“, antwortete ich meinem Bruder, „er wird uns die Haut vom Gesicht abziehen und auf ein Stück Papier kleben“. „WAAAS?“, schrie er und fing an zu weinen. Der Arme, er kannte keinen Schmerz, denn er wurde am Kopf, wie alle anderen Jungs im Dorf, kahlgeschoren, und niemals hatte Mutter ihn mit dem Kamm traktiert, oder wie bei Hatce, mit was auch immer.

Er weigerte sich laut weinend ins Auto einzusteigen und wollte nicht zum Fotografen. Der Wagen hupte, Onkel Tipisch drängte, Mutter schnappte sich meinen zappelnden Bruder und stopfte ihn hinein. Doch er hörte nicht auf zu weinen. Onkel Tipisch gab ihm Bonbons. Solange er aß, war er still, sobald das Bonbon aufgelutscht war, fing er wieder an zu weinen. Bis wir beim Fotografen waren, hatte er eine Tüte Bonbons aufgegessen und weinte trotzdem. Im Studio wollten alle Erwachsene, inklusive dem Fotografen ihn trösten, doch er weinte weiter. Dann gaben sie alle genervt auf, er sollte eben auf seinem ersten Foto weinen. Sie setzten uns auf einen Hocker, ich umarmte ihn, denn er tat mir leid, aber ich mir auch. Wir waren ganz allein in einer Ecke des großen Raumes, die Erwachsenen, inklusive Mutter entfernten sich von uns, und begaben sich auf die andere Seite, wo sich der Fotograf unter dem dunklen Tuch hinter einem schwarzen Kasten versteckte. Da wurde es sogar mir mulmig. Ich kannte zwar Schmerz, und das mit der Haut hatte ich auch nur erfunden, das war also gelogen, doch da mein Bruder die ganze Zeit beharrlich geweint hatte, war ich mir nicht mehr sicher, ob meine Behauptung doch nicht richtig war. Weil sich sogar die Erwachsenen in Sicherheit brachten. Und so wurde unser erstes Foto überhaupt nicht hübsch, was Mutter sehr ärgerte: Mein Bruder mit offen weinendem Mund und entsetzt schauenden Augen, ich mit eingesogenen Lippen und skeptisch-ängstlichem Blick, von der eigenen Lüge erwischt und bestraft.

Der Dichter oder The Blues of 29th Februar

Der Dichter oder The Blues of 29th Februar

Warum noch schreiben, darum schreiben. Die onanistische Schreibmaschine von Conroy Maddox, jede Taste ein schmerz, schreiben, bis die Finger bluten, schreiben, bis nichts mehr geht, Masochismus, exorbitant. Kotzen bis der Magen sich umdreht, danach ab in die Waschmaschine und es wird wieder alles rein, sauber.

Die Sonne scheint, und die Fische springen, deine Mutter ist schön, und dein Vater ist reich, so reich Baby, don’t cry… Erinnerung an das Vergessen, Erinnern und Vergessen, Vergessen zu erinnern, so ähnlich, in der Stadt schreien die Kinder, ein Vogel schwebt über den Wolken, träumen, alles nur träumen. Eine Maskerade, Karneval, Pappnasen überall, Hellau und Allaf, weine nicht kleine Maus, die Puppe ist weg, es ist gar Abend, mach doch die Suppe heiß, verbrenne Dich nicht beim Essen, puste, puste gut. Deine Zunge ist in zwei geteilt, die eine lügt die andere leckt. Metamorphose, Schmetterling, ein voller Bauch, da ist kaum noch Platz.

So sei doch um Himmelswillen laut, schrei Kind, an der Haltestelle, die Busse streiken wieder, der letzte ist auch schon fort. Ein Baum in Knospen, die Freude ist groß, Frühling ist die Lust, schreien und lachen, Gott war das schön, das Schreiben, das Tun, streicheln den Punkt, Gott, bist Du gut. Taschen voller Geld, keine Liebe in Sicht, ein Schiff in der Ferne, und wer kommt? Dicke Titten und eine rasierte Vagina treffen sich in der Mitte, und sprechen über Gott und auch über den Teufel.

Der Greis, fast kahl am Kopf, geneigt das Haupt, geht die Straße entlang, Gnade, Gnade und der Tod kommt auch bald. Fanfaren zur Hilfe, es brennt die Zigarette, die letzte ist doch ausgedrückt, das Fleisch ist kalt, warten, warten, dann kocht die Mutter die Suppe, da ist auch Fleisch drin. Freude war und doch nicht wahr, nicht zum Anfassen, alles Replikate, von wen nur? Alsbald wird es wahr, die Welt dreht sich auch so, die Sonne scheint, der Regen kommt, die Wolken schwenken ihren Hut, Adieu, es war schön mit Euch, sagt die schwarze Katze und leckt sich die Pfoten.

Mein ist die Sprache, mein ist Kunst, mein ist der Wein, mein ist… ach es sind so viele, es fließt der Main, unergründlich zum Rhein, die Stadt ist immer noch da, schön nicht aber sie ist da. Kalt ist das Fleisch in tausend Stücke zerhackt, warte, warte auch zu dir kommt der Hamann, oder so ähnlich, mit seinem Hackebeilchen, warte noch, noch ein Weilchen. Der Flieder blüht bald in seinen Gärten, auch die Blumen in Mutters Gärten, so schön doch, Hortensien, so schön, Friedhofsblumen hierzulande, sie wachsen doch nur im Schatten.

Mamas Kind weine nicht, Fliegen ist schön, sagt die Schwalbe und fliegt doch nur bei gutem Wetter, an der Mauer entlang, in der berühmten Stadt. Der Dichter macht einen Spaziergang, nimmt den Waldweg, an der Schneise trinkt er ein Bier, rülpst laut und sagt, Gott Erhalts, zieht den Roch hoch, Spazierstock und Gretchen, du hast die Milch verschüttet, so böses Kind, ich schick dir den Teufel an den Rock.

Onanie, Onanie, welche eine Wonne mit dir, schreibe mir bald, du Heiland, schreibt der Dichter in seiner Kladde, zieht die Schuhe aus, läuft barfuß aufs Moos, so grün, es sind alles Geldscheine, Dollarnoten, Geld in den Taschen, Handbillard, nichts mehr. Ein Schiff in der Ferne, bald Hortensie, Maiglöckchen, Vergissmeinnicht, Veilchen, Butterblumen, bald seid ihr dran, alle Mann an Bord, Captain Ahab wartet nicht, auf und davon. Der weiße Wal schwimmt dort, so schön, so mächtig, ach ihr Habenichte, kommt her und leckt mir die Füße, ich der Große Magier, und but but but ihr Hühner, gackert nicht allzu sehr, ich fick Euch mit der Möhre.

Zufrieden sind die Besitzlosen, die Lumpen dieser Welt, die Trinker an der Ecke, die Frau mit zerfurchtem Gesicht, der Mann mit Gicht, die Flasche kann er halten und die Kippe noch an der Trinkhalle. Ach Götter, schreibt der Dichter, lüftet seinen Rock, es ist ein wenig licht, der Wald, ach seufzt er, warum der ganze Schabernack, ich habe doch gedacht, alles hat ein Ende. Nein, sagt der andere, es gibt doch bekanntlich die Wurst, gemacht aus Fleische der Sau und ihres Blutes, die hat doch bekanntlich zwei. Und so zieht der Dichter fort, steckt in die Tasche die Puppe, den Lumpen und die Habenichte, den Schwalben und die Wolken, das Moos und die Fotos, zieht umher, humpeln und grummelnd, war mal wieder nichts, alles für die Katz und Kladde.

Zwischen Fisch und Nudeln

Zwischen Fisch und Nudeln

21. April, 2012, 10:15 Uhr. Eingang Edeka Markt. Heute habe ich die erste Vorstellung meiner Bilder in einem öffentlichen Raum, zu einem öffentlichen Publikum (wie es dazu kam ist eine andere Geschichte). Ich bin gut drauf nur etwas aufgeregt, meine Hände schwitzen. Dabei muss ich dem Spletti noch die Hand geben. Beim Eingang jedoch verblasst meine Euphorie. Der mir zugesprochene Platz zwischen Lottoannahmestelle und Bistro ist bereits belegt  (ein Sektanbieter aus Deutschland). Früher Vogel fängt den Wurm, denke ich und fluche innerlich. Und ganz in der Ferne winkt mir auch Gerald von der Kasse zu. Mein erster Gast ist schon da und ich habe nicht mal einen Stand. So an Misst, aber Spletti, der Marktleiter hat immer eine Lösung, und so lande ich auf die Fläche zwischen  Fischtheke und Nudeln. Da stelle ich meine Werke auf. Gerald hilft mit, den Stand aufzubauen, mit dem Gesicht zum Fisch, entgegen dem Menschen-Fluss im Supermarkt.

Bevor der erste echte Kunstliebhaber zu mir kommt, sind schon fast alle Freunde da. Noch ist alles easy, noch sind alle da, wir scherzen wie auf einer Party.  Später stehe ich da alleine, meine Füße werden kalt von der Kühlgebläse der Fischtheke, den ganzen Tag auf 12 cm. Was macht man nicht für die Kunst. Aber, ich habe Glück und schon kommt eine Dame auf mich zu, eine pensionierte Studienrätin, denke ich, mit erhobenen Augenbrauen, betrachtet das Gemälde meiner Tochter und fragt. „Was haben Sie sich dabei gedacht?“. „Ehm, ja, ich, nun, wie soll ich sagen, ich meine, Sie sehen, hmm, ehemm…“, ich hatte mich auf jede mögliche Frage vorbereitet, hatte mir die gesamte Kunstgeschichte zu Recht gelegt, wollte erzählen, dass die Kunst immer ein Spiegelbild ihrer Zeit sei, bla bla,bla. Sogar auf Negatives wie, was „für ein Scheiß“ war ich vorbereitet. Nun stehe ich da und bin mit dieser Frage völlig aus der Bahn geworfen. Was hatte ich mir dabei gedacht? Nichts. Ich hatte meine Tochter portraitiert. Die Dame sah mir in die Augen, sah sich das Bild genauer an und antwortete selbst. „Sie müssen Ihre Tochter sehr lieben, auch wenn sie bockig ist und oft schmollt, und ihren dicken Kopf durchsetzten möchte, sie haben das ja sehr schön in Bild umgesetzt wie man sieht. Und dass sie Gold verwendet haben dabei, als Anlehnung an das Goldene Kalb, das Aaron den Menschen als Gottesersatz gab als die danach verlangten.“ Ich war nun ganz sprachlos, nickte mit dem Kopf, sie wird es schon wissen was ich mir dabei gedacht hatte.

Diese Unterhaltung ist allerding schon auch der Höhepunkt des Tages, qualitativ betrachtet. Sonst stehe ich da, einfach so, starre in die Menge, die von der Fischtheke mir entgegen strömt, langsam und bedächtig den Einkaufswagen schiebend, denke noch an die Unmengen von Postkarten, die ich drucken ließ als Giveaway mit meinen Kontaktdaten. Keiner kommt vorbei und will welche haben, außer Kleinkinder. Nicht gerade die Zielgruppe aber immerhin eine willkommene Abwechslung für mich.

Wie ich da stehe und nichts tue als dazustehen und nichts tun,  fühle ich mich ein wenig wie Marina Abramowic: bestens platziert,  sichtbar zu jedem, aber von keinem angesprochen, obwohl sie alle diesen fragenden Blick haben „was macht die da bloß?“ Zugegeben, es ist auch nur die Edeka und nicht die Moma und ich bin weniger asketisch als Marina: ich gehe auf die Toilette, stehe fast stündlich draußen vor der Tür, schnorre hier und dort eine Zigarette, nehme vom Sektmann,  jedes Mal ein Glas Sekt mit, als Kompensation, für meinen eigentlichen Stand. So viel zu meiner Performance.

Und die Fakten? Bruttokontakte ca. 1.500 (0-99); Nettokontakte vier, davon ein Irrläufer (Original-Zitat „ach, Sie haben die Bilder von der Postkarte abgemalt“), und einer, der mehr an mir persönlich interessiert war als an meinen Werken; verteilte Karten 20 Aufträge 0, eine Erfahrung fürs Leben.

Eine Kindheit im Pontus (Teil4 Regen)

Eine Kindheit im Pontus (Teil4 Regen)

Regen. Er war und ist schon immer meine Verbindung zur Kindheit gewesen. Wann auch immer ich aus der Haustür hinaustrete in den Regen, die Art, die stetig, ehrlich und gleichgültig niederkommt, in dünnen, geraden, fast unsichtbaren Fäden, denke ich, „ach ja, wie damals im Dorf“.

Der Regen war in meiner Kindheit stets unaufgeregt, tobte selten, aber wenn dann heftig, da half dann auch kein Schirm mehr. Oft gab es diese tosenden Stürme im Sommer – nicht dass es bei uns so richtig warm wurde! Wenn aber doch, dann war es eine klebrige Schwüle, und wir hofften, dass es nicht allzu lange dauerte und der Himmel uns bald erlösen würde. Und wenn es dann soweit war, goss es schlagartig wie aus Kübeln, so dass die Frauen es nicht schafften, die trockene Wäsche von der Leine zu holen. Alles wurde augenblicklich nass. Nach kurzer Zeit war dieser Wutausbruch auch schon vorbei.

Bei einem Platzregen, egal wo ich ihn erlebe, kommen keine Erinnerungen hoch. Ganz anders eben bei einem entspannten, stressfreien Regen, der einfach da war, wie die Türschwelle, die Feuerstelle, die Kühe im Stall, Mutter, Großmutter und die aneinander gereihten Tage, die wie die Perlen an Großmutters Gebetskranz leise klickend vorüber gingen. Niemand regte sich auf, wenn es regnete, auch der Regen nicht. Er hatte einen entspannten Sound, ein flüsterndes Rauschen, das vom Himmel kam, und auf Dachziegeln niederfiel, auf Bäume, Holzscheite, im Hof vergessene Blechtöpfe, Tonkrüge und brachte sie dann zum Singen. Die Kühe, die an solchen Tagen im Stall bleiben mussten, muhten ab und an traurig dazu. Und so wurde aus dem gleichgültigen Regen ein gut orchestriertes Musikstück, der in jedem Hof seinen eigenen Klang hatte.

„Hängt Weiß nach der Hebamme!“ schrie Cicianne, die mit dem goldenen Zahn, hinten aus der Wohnstube heraus und gab so dem trägen Tag endlich ein richtiges Ereignis. Tante Seyhan sollte ihr Baby bekommen. Ihr Bauch war zum Platzen groß gewesen und die Alten murmelten, dass es doch längst höchste Zeit war. Großmutter sprang von ihrem Schemel hoch, legte zwei Holzscheite ins Feuer und ging nach draußen vor die Tür. Mutter kam mit einem weißen Bettlaken herausgelaufen, das sie auf die Wäscheleine in den Regen hing und laut durch ihre beiden Zeigefinger pfiff, bis vom gegenüberliegenden Hügel eine schrille Antwort kam.

„Hah, Kanacaba hat dich gehört. Sie schickt nach Kalacin Emine. Schnell. Setz du den Kessel mit Wasser auf. Ich bin unten bei Karabey. Das zungenlose Tier braucht mich jetzt“, sagte Großmutter. Und als sie sah, dass ich mich ebenfalls hinter Mutter auf dem Weg ins Haus machte, rief sie mir zu: „Du wartest hier auf die Hebamme.“

„Ich will doch das Baby sehen.“

„Geduld, du braucht mehr Geduld. Es ist nicht einfach, einen Menschen zu gebären. Das dauert. Tu was ich dir sage. Setz dich hier hin und warte.“ Sie nahm einen Schemel und setzte mich an die Türschwelle, dem Regen zugewandt, bevor sie zu ihrer Lieblingskuh in den Stall ging, über die sie ständig sagte: „So Gott will und sie gesund wird, werde ich sie dieses Jahr zum Fest opfern“, und Mutter jede Gelegenheit nutzte, um hinter ihrem Rücken zu ergänzen: „Doch als Karabey gesund wurde, wollte sie viel lieber gedeckt werden und verzichtete auf eine Seele im Jenseits.“ Folglich musste Großmutter in diesem Jahr Dursana opfern, die sie so gar nicht leiden konnte. Daher auch der Name, Dursana, der „Bleibstehen“ bedeutet, weil diese Kuh uns immer Kummer bereitete, weil sie anstelle von frischem Gras oft den Kohl und die Bohnen am Wegrand fraß, wenn wir mit Kühen unterwegs waren.

Am besagten Opferfest war Großmutter nicht beseelt wie sonst. Als Mutter mit Kavurma, dem frisch gebratenen Fleisch des gerade geschlachteten Tiers den Frühstückstisch deckte, wandte sich Großmutter wehleidig zu ihrer Schwester Hashatun: „Möge Allah mir meine dummen Gedanken verzeihen, aber wenn ich mir vorstelle, dass mich diese störrische und eigensinnige Kuh im Jenseits begleiten wird. Ich wollte doch viel lieber meine Karabey bei mir.“

Sie aß wenig vom Fleisch und verzog jedes Mal den Mund, wie ich, wenn ich gekochte Bohnen essen musste. Großtante Hashatun war ein zu fröhlicher Mensch und konnte sehr witzig fluchen. „Ich pupse vor deine Nase. Was machst du für ein Gesicht. Hast du denn diesseits keine Sorgen mehr, dass du an deine Kühe im Jenseits denkst? Iss auf, ich will gleich noch tanzen.“

„Untersteh dich, wo du gerade den siebten Mann begraben hast.“

„Ich begrab noch den achten. Wer will mir das Tanzen verbieten.“ Und schon stand sie auf und nahm mich an der Hand. „Komm, wir machen eine Runde Tepetopuk.“ Sie stellte abwechselnd einen Fuß auf die Zehenspitze, schoss mal die rechte und mal die linke Hüfte hoch und schnippte mit den Fingern im Rhythmus dazu, während sie die Arme weit ausgebreitet hatte, als wollte sie fliegen. Und ich wirbelte jauchzend um sie herum. Großmutter schimpfte nun über ihre verrückte ältere Schwester und grämte sich weniger um ihre Kühe im Jenseits, die eine Seele bekamen, wenn sie geopfert wurden.

So hatte Karabey nun auch einen dicken Bauch, weswegen Großmutter bei ihr war und ich lange an der Türschwelle in den Regen schaute. Bis eine rundliche Frau wiegenden Schrittes daherkam. Ich sprang auf.

„Bist du die Hebamme?“

„Wer sonst. Dich habe ich auch rausgeholt. Ich habe euch alle rausgeholt.“ Sie blieb neben mir stehen, öffnete ihr langen Kopfüberwurf und schlug die Enden auf ihrem Rücken.
„Wie groß du geworden bist. Ich hatte es dir nicht zugetraut zu überleben, so winzig warst du bei deiner Geburt. Aber, siehe da, du bist wohl sehr ehrgeizig.“ Sie tätschelte meinen Kopf und ging hinein. Ich lief hinterher, aber Mutter hatte sie schon erwartet und schlug die Tür zur Gebärstube vor meiner Nase zu. 

„Ich will das Baby sehen!“, rief ich und boxte gegen die Tür. Doch niemand reagierte. Ich ging also wieder nach draußen und setze mich auf meinem Schemel an der Türschwelle. Ich war wütend auf Mutter. Das machte sie immer so. Nie durfte ich dabei sein, immer wurde ich weggejagt. Dabei wollte ich doch zusehen, woher das Baby kam. Und dann fiel mir ein, dass ich ein Mädchen war und irgendwann eine Frau sein würde, wie sie alle. Ich hatte also alles, was sie auch hatten. Ich lief in unser Zimmer, stelle mich vor dem Spiegel, zog mein Kleidchen aus, schob das Unterhemd hoch und schaute auf meinem Bauch. Und sah es sofort: den Bauchnabel! Natürlich, die Hebamme hatte ja gerade gesagt, sie hat mich da rausgeholt. Nachdem ich das geklärt hatte, bastelte ich mir eine Stoffpuppe, die ich unter meinem Unterhemd trug und lief zur Großmutter in den Stall. Sie saß auf dem Futtertrog und sprach leise mit Karabey, die ein kleines Kälbchen leckte.
„Karabey hat ihr Kälbchen“, rief ich und eilte zu ihr. Doch Großmutter hielt mich auf.
„Schhht, nicht so laut.“ Sie winkte mich zu sich und so schauten wir beide zu, wie das Kälbchen langsam aufstand und an die Zitzen der Mutter ging. Es war hellbraun, hatte so hübsche Augen mit dichten Wimpern und auf der Stirn einen dunklen Fleck, das aussah wie ein Gänseblümchen.
„Das ist das schönste Kälbchen, das ich je gesehen habe“, sagte ich und – zugegeben – es war auch mein erstes, an das ich mich erinnern konnte.
„Allah zürnt mir, es ist ein Stierkalb, ein nutzloses Tier.“
„Kann ich es haben, wenn du es nicht behalten willst?“
„Du musst dich aber um ihn kümmern.“ Ich versprach es ihr hoch und heilig und nannte es Blümchen.
„Ist die Hebamme gekommen?“
„Ja, sie haben sich wieder ins Zimmer eingeschlossen.“
„Ob das gut geht“, murmelte sie und stand auf.

Als wir ins Haus gingen, bog Onkel Osman von der Straße zum Hof ab. Jemand musste ihn unterrichtet haben, weil wir ja noch das Weiß hängen hatten. Mutter nahm Großmutter mit, und ich lief hinterher. Die Tür stand offen, Tante Seyhan lag verschwitzt im Bett, ihr Oberkörper aufgerichtet. Cicianne putzte ihr übers Gesicht, gab ihr Wasser zu trinken und strich Ihr die Haare nach hinten, während die Hebamme etwas Kleines in einem weißen Laken wickelte.
„Wo ist das Baby?“, fragte ich leise, denn niemand sprach.
„Ein hübscher Junge. Sie muss ihn schon lange tot getragen haben, die Haut war schwarz angelaufen, kam sehr schwer raus. Wir mussten zu zweit kräftig drücken“, flüsterte die Hebamme zu meiner Großmutter und ging mit gesenktem Kopf und dem weißen Päckchen aus dem Zimmer. Draußen schmiss Onkel Osman seine Zigarette auf dem Boden und nahm das weiße Bündel wortlos entgegen. Er holte einen Spaten aus dem Schuppen und lief den Hang herunter, zu einem kleinen Apfelbaum. Dort direkt am Stamm begrub er sein namenloses Kind.

Niemand schien mehr später an den Jungen zu denken. Wenn er gelebt hätte, wäre er vier Jahre jünger als ich. Die Tage gingen wieder geräuschlos vorbei, wie alle Tage zuvor.

Der Regen blieb.

Ein ausgenuckelter Roman

Ein ausgenuckelter Roman

„Mann, was für eine Enttäuschung! Bist doch selbst schuld!“ schimpfte ich mit mir. „Was für eine mega Demütigung musstes du ertragen! Sie steht einfach auf und setzt sich woanders hin. Was denkt sie sich, wie ich mich da fühle. Diese dumme Kuh! Nur ein Sachbuch hat sie geschrieben. Und was ein Schlechtes! Mit den Zahlen des statistischen Bundesamtes. Nimmt dessen Tabellen, dichtet eine Story dazu und prophezeit damit die Zukunft. Die blöden Medien haben sie wohl so gehypt, dass die Gute ihre Manieren vergessen hat.“

Das Taxi ließ die Lichter der Wolkenkratzer im Nachthimmel hinter sich. Eine Anfreundung mit der Autorin bei ihrer Lesung im 34. Stock hätte für meinen ungeschriebenen Roman ein schöner Anfang werden können. So von Autorin zu (Fast-)Autorin, hätten wir uns doch austauschen könne. Und was macht sie? Setzt sich einfach woanders hin, als wollte sie mir sagen „Halt die Klappe“ (halten Sie den Mund!).“

Ich, dumme Gans, zahlte auch noch Eintritt und ließ mir das blöde Buch signieren. „Warte nur, bis ich meinen eigenen Roman geschrieben habe.“ Ich werde nämlich eine berühmte Schriftstellerin und sie wird sich in eine Schlange einreihen müssen, um ein signiertes Exemplar meines neuen Romans zu bekommen. Da werde ich sie erst einmal mit erhobenen Augenbrauen fixieren. „Du hast lange nichts Neues geschrieben. Hat das statistische Amt nichts mehr zu bieten? Geh doch einfach zum Finanzamt, die haben auch Zahlen.“ Gönnerhaft und sehr unleserlich werde ich dann „für Lisa, Tabellenmärchentante“ ins Buch kritzeln und es ihr zurückgeben.

Während ich solche Pläne in meine Zukunft hineinschmiedete, löste sich die Wut auf diese Frau in eine wohlige Müdigkeit auf. Zukunftspläne waren schon immer mein Nuckel gegen die Gegenwartsohnmacht gewesen. Hatte mich in der Schule eine Mitschülerin geärgert, verzog ich mich gleich in eine Ecke und grübelte darüber nach, wie ich es ihr später heimzahlen würde. Ich machte ständig Pläne und nie ist einer wahr geworden. Trotzdem behielt ich meinen Nuckel. 

Das Taxi hielt vor meinem Wohnblock an. Endlich konnte ich zu meiner Katze Paula gehen und mich schlafen legen.

Am nächsten Tag war ich völlig geflasht. Ein Instagram-Bekannter bat mich darum, seine entfernte, ältere Verwandte (eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin und Literatin!) zu helfen, die in meiner Stadt wohnte. Ich sollte ein Facebook-Account für sie einrichten und sie in die Nutzung von Social Media einführen. Davon hatte sie keine Ahnung, wollte aber trotzdem ein Konto, um mitreden zu können (und um ihr Wissen mit der Welt zu teilen!). Ob ich denn aushelfen wollte… Er könnte mir ihre Telefonnummer geben. Was für eine blöde Frage. Das Schicksal hatte mir eine Riesenchance gegeben. Ich sah mich meinem Ziel, einen Roman zu schreiben, näherkommen als jemals zuvor. Also rief ich die Autorin noch am selben Tag an und besuchte sie am darauffolgenden.

Da lagen 40 Jahre zwischen uns. Ich sehr aufgeregt, sie ganz gechillt. Wir machten uns an die Arbeit. Ich legte für sie ein Profil an, mit einem sehr vorteilhaften Foto von ihr (am Tisch ein Buch lesend) und klärte sie über Like-Phänomene auf: „Babykatzen und Welpen, in Herzen gerahmte Portraitbilder, blinkenden Blumen! Das zieht alte einsame Herren an! Finger weg!“ Anschließend zeigte ich ihr wie sie nach Personen suchen konnte. Im Minutentakt fand sie irgendjemanden, den ich nicht kannte, klickte auf „FreundIn hinzufügen“ und eilte schon wieder zum nächsten Bekannten. Ab da war sie kaum ansprechbar. Ich langweilte mich, und wusste nicht, ob ich einfach gehen sollte, blieb aber doch. Von dieser Begegnung sollte immerhin auch was für mich herausspringen. So leicht würde ich nicht aufgeben. Sie sollte mir als Gegenleistung etwas von ihrem Wissen abgeben und mich bei meinem angefangenen Liebesroman beraten. „Du kannst mich immer anrufen, wenn du Fragen hast“, versicherte ich ihr beim Abschied.

Sie rief nicht an. Ich lud sie am nächsten Tag zu einem Kaffee ein. Das Treffen sollte an einem Ort sein, an dem sie nicht einfach so im Computer verschwinden konnte. Ein recht plüschiges „Oma-Café“ war genau das richtige. Da würden wir uns gegenübersitzen und sie müsste sich dann wohl oder übel auch mit mir und meinen Belangen beschäftigen. Sie hatte schlechte Augen und so dürfte ich ihr in der Tat die wenigen Zeilen meines Romanentwurfs vorlesen. „Eine unsäglich langweilige Geschichte“ tadelte sie mich lautstark, worüber ich mich besonders freute. Denn, sie war ja keine Freundin, die mich mit Lob loswerden wollte. Sie war eine Schriftstellerin, und setze sich mit meinem Text auseinander. Ich sog ihre Worte auf wie Zewa Wisch und Weg das Wasser (zu abgedroschen und langweilig!), oder wie meine Hightech-Binde die Monatsblutung (das ist keine Metapher, das ist neumodisches Gender-Geplapper!)

Nun hatte ich endlich die Gelegenheit a) meinen Roman mit entsprechend fachlicher Unterstützung zu beenden und b) über sie andere Schriftstellerinnen kennen zu lernen. Also musste ich unsere aufkeimende Bekanntschaft über das Facebook-Anlernen hinaus vertiefen.

Auf jede ihrer Wünsche ging ich ein. Da sie in ihrem Alter nicht gerne unterwegs war, besuchte ich sie häufiger in ihrer Altbauwohnung, die sie mit ihrem Mann bewohnte. Da saß ich also stundenlang vor einer Tasse kaltem Tee, aß den mitgebrachten Käsekuchen, (den sie so liebte) und war einfach nur glücklich. Die berühmte Schriftstellerin nahm sich Zeit für mich, unglaublich. Ich zeigte ihr die überarbeiteten Versionen meines Romans, und sie erzählte mir von ihren Facebook-Abenteuern. Inzwischen hatte sie nach entfernten Familienmitgliedern gesucht und vergessene Kommilitonen gefunden. Ich freute mich für sie (dass sie so schnell lernte) und auch für mich. Hin und wieder durfte ich erneut vorlesen: „Sie zog nervös an ihrer Zigarette und…“ „Was? Rauchende Frauen, gaaanz schlecht. Klischeehafter Mumpitz!“ Erneut haute sie mir die überarbeitete Version um die Ohren. Das machte mir aber nichts aus. „So wie sie Facebook von mir gelernt hatte, werde ich von ihr Schreiben lernen“, tröstete ich mich im Stillen, und hoffte bald schon Fortschritte machen zu können, damit sie nicht abermals mit groben Worten über die ausgedruckten Seiten herfiel (Was schreibst du so lange Sätze? Du bist doch kein Musil!).

Ach, es waren glückliche Tage! Bis spät in die Nacht erzählte sie mir von ihren Facebook-Diskussionen und beendete sie mit: „Alles Idioten!“ Zuhause ging ich mit der kuscheligen Zufriedenheit ins Bett von ihr zu lernen. Inzwischen war sie für mich nicht nur eine Schriftstellerin; sie wusste sehr viel, hatte zu jedem Thema eine Meinung und verteidigte sie hart. Nach kurzer Zeit hatte sie es geschafft, auf Facebook mehr Nutzer zu blockieren als Freunde zu gewinnen (das Blockieren hatte ich ihr gezeigt, falls sie Fotos von entblößten männlichen Genitalien bekam. Und sie bekam so viele!) Ich tröstete sie: Es gäbe noch genug Menschen auf der Welt. Warum nicht einfach Unbekannte kennenlernen? „So wie wir beide“, dachte ich und lächelte süß in mich hinein.

„So wie sie will ich auch werden, wenn ich alt bin“, dachte ich. Eine Frau voller Weisheit und Wahrheit. Eine starke, graue Eminenz. „Ich möchte genauso strahlen und Jüngere um mich herum haben. Ich will denen all mein Wissen weitergeben, so wie sie mir.“ (Ich werde dann nicht mehr an weltliche, profane, vergängliche Dinge hängen, wie jetzt, sondern heldenhaft nur noch für die Wahrheit kämpften, wie sie.) Allerdings gab es bis dahin einen weiten Weg, der noch vor mir lag. Ich, die kleine Angestellte, wollte schreiben. Nicht nur unfreundliche Emails und Abmahnungen wegen nicht bezahlter Rechnungen, nein, es sollte ein Roman geschrieben werden, der mir Ehre und Ruhm bringen würde.

Inzwischen waren wir enger vertraut. Sie rief mich täglich an. Oft war sie angetrunken. Das erkannte ich an ihrer besonderen Heiterkeit. Sie berichtete weiterhin ausgiebig von ihren Begegnungen auf Facebook. Und eines Tages schrie sie mir ins Ohr: „Stell dir vor, ich habe meinen Professor gefunden!“ Ich kräuselte die Stirn. Wie alt mochte er sein, wenn sie 69 war? Fragen wäre unhöflich und ich wollte sie nicht unterbrechen. Wie ein junges Mädchen ließ sie sich über ihre Uni-Abenteuer aus, als wäre sie gestern noch dort gewesen. „Er sagte, Gisele, Schätzecken, du bist keine Gisela, nicht wahr, du bist Gisellechen, das sieht man doch.“

Ein paar Tage später schlug sie mir vor, sie bei ihrer bevorstehenden Lesereise zu begleiten. „Wir treffen uns morgen um drei im Oma-Café. Dann erzähl ich dir alles“, sagte sie knapp und legte auf. Ich war so happy auf die bevorstehende Reise, dass ich mich nicht fragte, warum wir uns im Café und nicht – wie üblich – bei ihr zu Hause treffen sollten.

Dort erfuhr ich schließlich den Grund. Diese Lesereise war eigentlich keine Lesereise. Sie hatte den geplanten Ausflug am Telefon nur als solche getarnt, weil ihr Mann zugegen war. Bei Kaffee und Käsekuchen servierte sie mir die Wahrheit: Sie sei in ihren Professor verliebt. Er war damals leider verheiratet gewesen, aber: „Stell dir vor, er ist jetzt Witwer!“

Während ich ihre letzten Sätze im Kopf zu ordnen versuchte, fuhr sie fort: „Jetzt ist endlich meine Gelegenheit gekommen. Ich werde ihn besuchen, und du wirst mich begleiten. Wir nehmen den Zug. Du weißt, ich kann nicht gut sehen, dazu noch mein Hüftleiden. Ich übernachte bei ihm, du übernimmst mein Hotelzimmer.“

“Mann, was war das jetzt? Bin ich nur ihr Alibi? Ich muss was tun!“, beschloss ich später in der Straßenbahn. Zu Hause, noch im Mantel, setzte ich mich hin, und schrieb diese Kurzgeschichte. Im Speisewagen des Zugs, auf dem Weg zu ihrem Liebestreffen überreichte ich ihr dann meine in Schriftgröße Arial 18 ausgedruckten Blätter. „Weißt du, Gisela, ich habe es mir anders überlegt. Wir vergessen mal den Roman. Ich habe etwas ganz Neues geschrieben. Lies doch mal und sag mir, was du darüber denkst.“ Sie setzte ihre Lesebrille auf, nahm einen roten Stift aus der Tasche und begann im Text Korrekturen vorzunehmen. (Diese habe ich für die Nachwelt kursiv in Klammern drinnen gelassen.) Danach gab sie mir den Papierstapel zurück und bestellte vom vorbeigehenden Schaffner zwei Piccolo. „Siehst du Schätzchen, daraus wird ein Schuh. Schreib weiter so! Prösterchen!“